1910 – 1920 Die Mädchenschule

Der seit etwa 1870 bestehende Mädchen-Unterstützungsverein, welcher sich die Erhaltung einer Industrieschule für mittellose Mädchen zur Aufgabe macht, hatte bisher seine Lokalitäten in Mietwohnungen untergebracht, was sich als unbequem und unzukömmlich erwies.
Demgemäß wurde getrachtet, ihm ein eigenes Heim zu schaffen, das allen Bedürfnissen Rechnung trägt.

Ansicht der Vorhalle (1910)

Ansicht der Vorhalle (1910)

Der Mädchen-Unterstützungsverein sucht ein geeignetes Schulgebäude

Dies war bei den nicht allzu reichen, bloß durch private Fürsorge aufgebrachten Mitteln des humanitären Vereins bloß unter der Voraussetzung möglich, daß ein entsprechend wohlfeiler, wenn auch kleiner Bauplatz zur Verfügung stehe und man dem Hause durch die Anordnung von Mietwohnungen eine gewisse Rentabilität schaffen könne.
Es gelang nun wirklich, diese beiden Bedingungen zu erfüllen und so schuf der Architekt (Ludwig Schmiedl aus Wien) ein Gebäude, das in jeder Richtung seinem Zwecke entspricht und überdies auch in ästhetischer Beziehung ausgezeichnet gelungen ist. Bei genauer Betrachtung ist in der Bildmitte die (Schul-) Glocke zu erkennen.

Die Ausführung durch Architekt L. Schmiedl

Das Gebäude umfaßt ein Tiefparterre, Hochparterre, Mezzanin, drei Stockwerke und eine Mansarde. Die drei unteren Geschoße dienen dem Bedarf des Vereines, während die übrigen die Wohnungen enthalten. Die Separierung der beiden Hauptbestandteile des Hauses ist eine weitgehende, indem der Zugang zu denselben durch getrennte Vestibüle und Treppen erfolgt.
Die Vereinslokalitäten enthalten nebst einem Sitzungszimmer zwei große Hörsäle mit ansteigenden angeordneten Sitzreihen. Auch im Tiefparterre ist ein großer Saal, für Freiturnen der Mädchen bestimmt, untergebracht

Plan des Hochparterres des Hauses Seegasse 16 (damals noch mit Seegasse 18 angegeben)

Plan des Hochparterres des Hauses Seegasse 16 (damals noch mit Seegasse 18 angegeben)

Sehr hübsch ist die Art, wie die niedrig gehaltenen Vestibüle zwischen die hoch dimensionierten Geschoße des Tief- und Hochparterre eingeschoben sind, so daß sowohl der Raum zwischen dem Fußboden der Vestibüle und jenem des Untergeschoßes als auch jener zwischen der Decke der Vestibüle und dem Plafond des Hochparterres vollwertig ausgenutzt werden konnten. Dort sind einerseits eine Erweiterung des Turnsaales und eine Lehrmittelgalerie, auf der anderen Seite ein Keller und die oberen Sitzreihen des Hochparterre Hörsaals gewonnen worden.
Das Mezzanin ist durch Korksteinwände in eine Anzahl von kleinen Räumen unterteilt, welche dem Industrieunterrichte dienen. Für Vorräume, Garderoben und Klosetts ist ausreichend gesorgt. Die Decken in den unteren Stockwerken sind in Eisenbeton ausgeführt. Die Fußböden haben Linoleumbelag auf Korkestrich.

Die Kombination Vereinshaus und Mietwohnungen

Ansicht des Stiegenhauses, das zu den Mietwohnungen führt (Aufgenommen vom Hochparterre ins Erdgeschoß)

Die Mietwohnungen enthalten je drei Zimmer, ein Kabinett und Nebenräume, am Dachboden ist ein Atelier untergebracht.
Das Äußere des Hauses drückt die doppelte Bestimmung desselben deutlich aus, ohne daß der Zusammenhang zwischen Unter- und Aufbau im geringsten leiden würde. Der Aufwand an rein formalem Detail ist auf wenige Punkte beschränkt und kommt dort in Verbindung mit der flott aufgetragenen Bildhauerarbeit gut zur Geltung.
Im Inneren ist in den Vestibülen durch Verkachelung der Sockel und Malerei ein etwas reicheres Aussehen verliehen. Spezielle Erwähnung verdient der nach Art einer „Hall“ geschickt disponierte Vorraum des Hochparterre, welcher, wie Fig. 1 zeigt, obwohl mit bescheidenen Mitteln ausgestattet, eine sehr erfreuliche Wirkung ausübt.

Die Ausführenden des Bauvorhabens

An der Ausführung des Baues waren unter Leitung des Architekten (L. Schmiedl) beteiligt:

  • Baumeister Adolf Ambor
  • Zimmermeister Andr. Pilecky
  • Tischler Anton Steyringer
  • Betonarbeiten G.A. Wayss & Co.
  • Kunstschlosser Siegfried Herschan
  • Anstreicher und Maler Fr. Anton Renner
  • Gas- und Wasserinstallation D. Suchmann & Sohn
  • elektrische Installation Bernhard Spielmann
  • Bildhauer Slanetz

Der Aufzug wurde alt erworben und durch die Firma Theodor D’Ester gründlich erneuert und montiert.

Text – mit geringfügigen Änderungen – aus:
Der Bautechniker, Zentralorgan für das österreichische Bauwesen, Jg. 30, Nr. 46, Wien, 18. Nov. 1910

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