Die jüdische Vergangenheit im “Oberen Werd”

Die Geschichte der Messiaskapelle und des Hauses Seegasse 16 ist untrennbar mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wien und mit dem Wirken der Schwedischen Israelsmission zwischen den beiden Weltkriegen und während des zweiten Weltkrieges verbunden. Daher ist es zum Verständnis der Geschichte der Messiaskapelle erforderlich, auch einen Blick auf die jüdische Vergangenheit im Alsergrund zu werfen.

Eine der ältesten Wiener jüdischen Ansiedlungen lag seit dem 14. Jahrhundert zwischen dem Stubentor und dem Wienfluß in der „Scheffstraße“. Die verkehrstechnisch günstige Lage in der Nähe der Donau gestattete Handel und Geldgeschäfte. Das große Judenpogrom des Jahres 1421 unter Albrecht V, bei dem die gesamte Wiener jüdische Gemeinde entweder getötet oder vertrieben wurde, beendete diese Entwicklung auf einen Schlag.

Allen Vertreibungen und Verfolgungen zum Trotz verschwanden die Juden nie für längere Zeit aus Wien. 1520 wurde daher außerhalb des damaligen Stadtgebietes im „Oberen Werd“, in der Seegasse (sie hat ihren Namen von einem längst verlandeten Seitenarm der Donau erhalten) im heutigen 9. Wiener Gemeindebezirk ein jüdischer Friedhof angelegt, dessen ältester Grabstein das Datum 1582 trägt.

Von da an stieg das Ansehen der Juden in Wien in dem Maße, als sich der Stand der kaiserlichen Kasse nach unten bewegte und die Herrscher in Wien auf die finanzielle Unterstützung durch jüdische Geschäftsleute angewiesen waren.

Ferdinand II wies den Wiener Juden den „Unteren Werd“ als Wohnbereich zu. 1625 wurden zunächst 14 Häuser erworben. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war die sogenannte „Judenstadt“ bereits auf 3.000 Personen in 120 Häusern angewachsen. Die erste Synagoge wurde in der heutigen Pfarrgasse errichtet.

Mit dem Regierungsantritt Kaiser Leopolds I (1657) und geschürt durch einige Zwischenfälle und Unruhen, die den Juden angelastet wurden, gewannen die judenfeindlichen Strömungen in Wien erneut die Oberhand. Am 30. Juli 1669 wurde durch die kaiserlichen Herolde verkündet, daß die Judenstadt im „Unteren Werd“ unverzüglich geräumt werden muß. Das einzige Entgegenkommen erwies man den Verstorbenen: Vor ihrer Auswanderung durfte Koppel Fränkel und sein Bruder den Judenfriedhof in der Rossau (Seegasse) für 4.000 Gulden kaufen. Die Wiener Stadtverwaltung sagte zu, die Grabstätten nicht zu zerstören. Der „Untere Werd“ wurde zu Ehren des Kaisers in Leopoldstadt umbenannt.

Als nur wenige Jahre später das Kaiserhaus wieder gewaltig unter finanziellen Druck geriet und Lieferungen von Kriegsgütern nicht auf andere Weise beschafft werden konnten, gestattete es Leopold I im Februar 1675 etwa 250 jüdischen Familien nach Wien zurückzukehren. Die Ansiedlung erfolgte jedoch nicht wie früher in einem Ghetto, die Juden sollten sich in der Stadt einmieten. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kehrten die Juden wieder in die Leopoldstadt zurück.

Mit den für die Rückkehrerlaubnis eingehobenen 300.000 Gulden konnte die Staatskassa Leopolds I wieder etwas gefüllt werden. Die wohl bedeutendste jüdische Persönlichkeit dieser Jahre war der „Hofjude“ Samuel Oppenheimer, der für etwa drei Jahrzehnte der Bankier des Kaisers wurde. Er war es, der das erste jüdische Krankenhaus im „Oberen Werd“ in der heutigen Seegasse errichtete.

Maria Theresia verfolgte bis zum Jahre 1748 das Ziel eine judenfrei Monarchie zu schaffen. Erst zu diesem Zeitpunkt nahm sie den drei Jahre zuvor erlassenen Ausweisungsbefehl zurück. Die erste entscheidende Wende kam am 2. Jänner 1782 als Joseph II nur wenige Wochen nach dem Erlaß des für den Protestantismus so bedeutenden Toleranzpatentes (13. Okt. 1781) auch ein entsprechendes Edikt zugunsten der Juden unterschrieb:
„… daß alle unsere Unterthanen, ohne Unterschied der Nation und Religion, sobald sie in unsere Staaten aufgenommen und geduldet sind, an dem öffentlichen Wohlstande … gemeinschaftlichen Antheil nehmen, eine gesetzmäßige Freiheit genießen …“
So bedeutend dieser Schritt für die Juden in der Monarchie war, darf aber dabei nicht vergessen werden, daß Toleranz hier im Sinne von Duldung und noch lange nicht als Gleichberechtigung verstanden werden muß. Auch wenn Ausgehverbote, Wohnbeschränkungen oder bestimmte Kleidervorschriften abgeschafft wurde, blieb für Juden nach wie vor Hausbesitz oder die Bildung eigener Gemeinden verboten.

Die Volkszählung 1803 ergab, daß in der Donaumonarchie 457.201 Juden lebten. Im Jahre 1810 gab es in Wien 113 tolerierte jüdische Familien. Tatsächlich lebten in Wien aber rund 10.000 Juden – bei einer Einwohnerzahl der Residenzstadt von 400.000. Bis zum Revolutionsjahr 1848 stieg die Zahl der tolerierten jüdischen Familien nur unwesentlich auf 197. Allerdings führten neben den tolerierten jüdischen Familien Tausende Wiener Judenfamilien eine Existenz ohne verbriefte Aufenthaltsbewilligung und somit außerhalb oder am Rande der Legalität.

Das jüdische Spital in der Roßau und die Notwendigkeit es zu verwalten soll 1810 den ersten Anstoß für die Etablierung einer jüdischen „Gemeinde“ gegeben haben. Zwar akzeptierte Kaiser Franz I keine offizielle Gemeinde, doch immerhin eine Gruppe von Personen als „Vertreter“. Ein Wiener Judengemeinde existierte also offiziell noch nicht, aber de facto hatte sie begonnen, sich zu etablieren.

Das Revolutionsjahr 1848 und die Abdankung Kaiser Ferdinands (des Gütigen) zugunsten seines 18 jährigen Neffen Franz Joseph brachte die nächste einschneidende Veränderung für die Juden Wiens. Kaiser Franz Joseph sprach gegenüber Vertretern der Wiener Juden nicht nur von der „israelitischen Gemeinde“ sondern auch von der Gleichberechtigung aller Völker und aller Stämme“. Dieser Gesinnung folgte 1849 ein Erlaß, der festhielt, daß „alle Juden, welche österreichische Reichsbürger sind, alle jene bürgerlichen und politischen Rechte genießen, welche den christlichen Reichsbürger zustehen.“ Diese Zugeständnisse – so auch die Erlaubnis zum Grundstückserwerb – wurden zwar 1852 wieder zurückgenommen, jedoch war der Prozeß der Gleichberechtigung aud Dauer nicht mehr aufzuhalten.

Die Wiener Volkszählung von 1869 ergab bei einer Gesamtbevölkerung von 607.514 eine jüdische Bevölkerung von 40.230 von denen jedoch nur 7.867 ein Heimatrecht in der Stadt besaßen.

Diese Zahlen sollten sich rund 50 Jahre später durch die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs entscheidend ändern. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wurde Wien „zum Auffanglager für Entwurzelte“ (Andics). Schon während des Krieges flüchteten viele Juden aus Galizien Richtung Westen. Die Angst vor Pogromen trieb nach dem Zusammenbruch weitere Massen nach Wien. Bereits im Herbst 1915 gab es in Wien mehr als 70.000 mittellose jüdische Flüchtlinge. Besonders die Leopoldstadt wurde überschwemmt. 1919 hielten sich in Wien bereits über 200.000 Juden auf.

1900 lebten auf dem Alsergrund 17.206 Juden was 18,2 % der Bevölkerung entsprach (besonders bekannte Namen: Sigmund Freud und Theodor Herzl). Der größte Teil von ihnen lebte in der Roßau.

Nach einem Streit zwischen Kaiser Maximilian II, der eine Ansiedlung von Juden im „Unteren Werd“ (gegenüber dem Rotenturm-Tor) anstrebte, setzten sich die Bürger Wiens durch und erreichten im Dezember 1575 eine neuerliche Austreibung der Juden aus Wien. Nach dem Tode Maximilians II im Jahr 1576 gestattete Rudolf II, sein Sohn und Nachfolger, den Juden die Rückkehr.

Synagoge in der Müllnergasse,

Synagoge im 9. Bezirk, Müllnergasse 21, vor 1938

Diese Entwicklungen in den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts waren schließlich das bausschlaggebende Motiv zur Errichtung der Missionsstation der Schwedischen Israelsmission in Wien, mit der die Geschichte der Messiaskapelle ihren Anfang nimmt.

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