Adolf Rücker Rundfunkpredigt 18. Juni 1972

Rundfunkpredigt in der Luth. Stadtkirche in Wien
gehalten von Pfarrer Adolf Rücker, am 18. Juni 1972

„Jesus Christus hat für alle den Frieden ausgerufen, für die Nichtjuden, die fern von Gott waren und für die Juden, die Ihm nahe waren. Durch Ihn dürfen wir beide, Juden und Nichtjuden, in einem Geist vor Gott, den Vater, treten!“
Eph. 2, 17—18

Liebe Brüder und Schwestern,

hier in der Kirche und an den Rundfunkgeräten daheim oder unterwegs. Sollten Sie Ihr Gerät erst jetzt eingeschaltet haben, dann darf ich Ihnen zunächst die Vorgeschichte dessen berichten, was am Altar und auf der Kanzel verlesen wurde. Im Brief an die Epheser sagt der Apostel: Bedenkt, was ihr früher gewesen seid — früher —‚ d.h. bevor Gott euch mit Seinem auserwählten Volk verbunden hat. Ihr seid Fremde gewesen, getrennt von Christus und deshalb ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt.

Von Juden und von Nichtjuden ist hier die Rede, von ihrem Gegensatz und von ihrem Anspruch; von ihrem Selbstverständnis, das einen Absolutheitsanspruch erhob: Wir sind Gottes auserwähltes Volk, nur bei uns kann das Bleibende, das Gültige gefunden werden! So sagte Israel. Gottes Volk zu sein, das hatte Israel sich nicht selbst ausgesucht; das ist eine Bestimmung, nach der kein Wissender von sich aus greifen würde. Von Gott erwählt sein, heißt, ganz für Ihn da sein, nicht nur im Kirchenraum, sondern im Alltag, beim Handel z. B., wo es ums Geld geht, in allen mitmenschlichen Beziehungen, beim Umgang mit Fremden, Rechtlosen oder Unterdrückten. In allem immer und zuerst nach Gottes Willen fragen, immer vor Gott gestellt sein, das bedeutet alle Eigenmächtigkeit und Selbstherrlichkeit aufgeben, das heißt Verzicht auf Macht- und Bündnispolitik und bedeutet letztlich Prügelknabe der Geschichte zu sein.

Wen wundert es, daß dieses Volk sein Heil schließlich darin sah, sich scharf gegen alles, das anders war, abzugrenzen, eine unübersteigbare Mauer zwischen sich und den anderen zu errichten und aus seiner Erwählung einen Rechtsanspruch zu machen? Die Heiden reagierten dementsprechend. Sie lebten zwar in einer Welt nahe zusammen, Juden und Heiden, oft nur durch einen Straßenzug, in Wahrheit aber durch Welten getrennt! Wo aber Entzweiung und Trennung herrschen, da gibt es keine Toleranz. Toleranz kennt der nicht, der sich selbst absolut setzt — und das taten beide, Heiden und Juden.

In diese Lage hinein spricht der Apostel sein machtvolles „NUN ABER!“ Nun aber seid ihr durch Christi Blut Glieder des Gottesvolkes geworden. Er ist selbst der Friede, Er hat Juden und Nichtjuden — dazu gehören wir alle — zu einem einzigen Gottesvolk verbunden und jede wie immer geartete Trennmauer beseitigt. Das Wort des Apostels klingt fremd in unseren Ohren, angesichts dieser seiner Aussagen müssen wir alle umlernen! Wir sind nämlich bis heute weithin von jener Irrlehre bestimmt, die in den Kirchen jahrhundertelang gepredigt wurde.

Ich meine, die sogenannte „Enterbungstheorie“. Sie besagt, Gott habe Sein Volk enterbt und verstoßen, die Erben aber seien wir, die Christen. Wir haben den Gott Israels übernommen — oder Er uns — mit allen Gaben, die dazugehören. Wir stehen also drinnen — im Bund mit Gott — die Juden aber draußen!

Solches wurde gelehrt im klaren Gegensatz zu zentralen Aussagen der Heiligen Schrift. Bitte, lesen Sie nach, was der Apostel Paulus im 11. Kapitel des Römerbriefes schreibt. Dort steht ausdrücklich: Gott hat Sein Volk nicht verstoßen, das Er sich erwählt hat; nicht um der Menschen, sondern um Seiner Treue willen bleiben Seine Gaben und Seine Berufung in Kraft. Gott sei Dank, daß es so ist, denn wo wären w i r alle, wenn Gott uns nicht die Treue hielte, trotz unserer Untreue. Wo wären wir, wenn Gott nicht immer wieder die Gräben überbrückte, die wir aufreißen; wenn dies nicht in Kraft stünde, was uns das apostolische Wort bezeugt: Nach dem Willen Gottes sollte Christus die getrennten Teile der Menschheit mit sich verbinden und sie so zu einer neuen Menschheit vereinen! Am Kreuz hat Er endgültig Frieden gestiftet, uns alle mit Gott versöhnt und jede Entfremdung ein für allemal aufgehoben. Jede Entfremdung!!

An dieser Stelle merken wir, daß es nicht n u r um das Verhältnis: Nichtjuden — Juden geht, sondern um die Begegnung mit dem Nächsten überhaupt. Das Anderssein anderer ist für uns immer wieder schwer zu ertragen. Die Zäune und Trennwände gehen deshalb quer durch unser Leben hindurch. Mauern des Mißverstehens quer über den Familientisch zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Alten und Jungen. Ich brauche nicht erinnern an die Gegensätze zwischen Rassen, Klassen und Konfessionen, an die Konflikte und Kriege, an denen die Welt leidet und wir in ihr.

Welche Kühnheit angesichts dieser Sachlage zu verkünden, daß die Mauern abgetragen sind, jede Trennung beseitigt und die Feindschaft getötet ist! Das kann nur sagen, wer den kennt, der auf dieser Erde keinen Zaun respektierte, der zu den Verachteten und Verlassenen ging, und der schließlich von beiden, von Heiden und Juden, ans Kreuz gebracht wurde — aber auch dort, in der härtesten Situation, die denkbar ist, niemand anklagte, niemanden verurteilte und Seine liebende Solidarität mit uns durchhielt, bis zum letzten Atemzug! Wir aber, die Seinen Namen tragen, sollen auch Seine Werke wirken! Wir dürfen nicht schweigen zu dem, was unzähligen Menschen heute von anderen Mächten und Menschen angetan wird. Wir müssen unsere Stimme erheben für alle, die entrechtet, unterdrückt, ihrer Menschenwürde beraubt sind, und die deshalb verstummt sind, weil sie von uns verlassen sind. In einem Vortrag war kürzlich der Satz zu hören: „Das Böse gedeiht dort am besten, wo eine hinreichende Anzahl von guten Menschen nichts tut!“. Daß wir so oft schweigen wo wir reden sollten, und nichts tun, wo wir handeln sollten, hängt wohl damit zusammen, daß wir die trennenden Zäune ausgebaut, statt abgebaut haben. Daß Christus alle Trennwände zwischen Menschen beseitigt hat, bedeutet für uns, daß wir ihnen die Anerkennung verweigern.

Wir werden versuchen, die Mauern durchlässig zu machen, sie so abzutragen, daß wir über sie zum Nächsten kommen — und wo auch das nicht möglich ist, dort werden wir über alles Trennende hinweg dem Nachbarn die Hand reichen, auch wenn dabei einiges zu überwinden ist! Auf keinen Fall aber werden wir von uns aus neue Zäune errichten oder liebevoll schmücken, wie wir dies nicht selten mit unseren Privat- oder konfessionellen Zäunen tun! Gott will sie nicht! Er hat sie in Jesus Christus samt und sonders abgetan. Deshalb haben Christen bei der Demontage der trennenden Schranken in vorderster Reihe zu stehen. Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen: Als sich vor wenigen Jahrzehnten auch in unserem Lande die meisten von den verfolgten Juden zurückzogen und sie ihren Henkern überließen, statt wie ein Mann aufzustehen und sich schützend vor sie zu stellen, da war es die Schwedische Mission für Israel, die sich vor die Verfemten stellte, Tausende vor dem sicheren Tode rettete und ihnen in der Seegasse in Wien Trost und Kraft des Wortes Gottes vermittelte. Und wenn dieses Werk am 1. Oktober d. J. seinen 50. Geburtstag in Österreich feiert — das Gesamtwerk ist in Kürze 100 Jahre alt — dann soll auch an dieser Stelle der Dank für diesen mutigen und wahrhaft christlichen Einsatz nicht vergessen sein! Wenn wir doch einsehen könnten, daß wir uns von Gott entfernen, wenn wir Sein Wort nicht annehmen und Seinen Willen ignorieren, wie er klar in unserem Schriftwort zum Ausdruck kommt. Hier wird uns doch gesagt: Jesus Christus hat für alle den Frieden ausgerufen, für die Nichtjuden, die fern von Gott waren, und für die Juden, die Ihm nahe waren. Durch Ihn dürfen wir beide in einem Geist vor Gott, den Vater treten.

Damit hat uns Gott in das Kraftfeld der Versöhnung und des Friedens gestellt. Er will das gespaltene Gottesvolk einen, Er will uns nur noch miteinander bei sich haben, auf keinen Fall gegeneinander, aber auch nicht beziehungslos nebeneinander. Es ist ja von einem gemeinsamen Weg zum Vater die Rede. Gott will also nicht, daß jeder seinen Weg zum Eingang des Reiches sucht, sondern daß alle auf ein und demselben Weg hingehen. Deshalb sollen wir, so lange wir auf dem Wege sind, darum ringen, daß uns Gottes Liebe überwinde, zum Glauben, und zur geduldig erfinderischen Liebe, die nicht ruht, bis sie alle Möglichkeiten erschöpft hat, um Israel recht zu begegnen. Das ist freilich eine alle Phantasie des Herzens und Geistes herausfordernde Aufgabe. Aber im Umgang mit Christen sollten eben die andern etwas davon merken, daß nicht die Ichsucht das Grundgesetz des Lebens ist, sondern die Liebe, die nicht trennt, sondern eint, nicht Gräben aufreißt, sondern Brücken baut. Christen sind Menschen, die aus Angst und Feindschaft — beides hängt eng miteinander zusammen — herausgerufen sind. Weil sie einen bestimmten Ruf gehört haben, fangen sie nun an, unter neuen Voraussetzungen zu denken und zu handeln. Diese Voraus-Setzung hat uns das Wort der Schrift deutlich gemacht, es wird also darum gehen, das, was Gott wirken will, auch zu verwirklichen! Es hilft nichts, wir müssen umdenken — und dann gelingt es uns vielleicht auch mit den Gefühlen der Ablehnung und des Unbehagens fertig zu werden, die unser Verhältnis zu den Juden immer noch weithin bestimmen.

Unter dem Kreuz des Versöhners ist es uns auch erlaubt zu bekennen, was wir an ihnen versäumt haben. Hat die Christenheit sie nicht oft genug durch einen unerhörten Terror gezwungen „zu Kreuze zu kriechen“ — aber es war nicht das Kreuz Christi, zu dem sie gebracht wurden! Wir haben uns selbst dabei von diesem Kreuz entfernt, trotzdem wir es ständig in unseren Kirchen aufgestellt haben. Das Kreuz ist aber über unseren Altären aufgerichtet, damit wir begreifen, was es Ihn gekostet hat, uns mit dem Vater und untereinander zu versöhnen. Deshalb ist es der Ort des Friedens für uns alle. Wenn Gott Gnade gibt, dann ist es der Ort, wo wir uns finden, wo alle Trennung und Entfremdung aufgehoben ist, wo die Wege sich nicht mehr nur kreuzen, sondern ineinander münden. Denn nach Gottes Willen sind wir zu Ihm hin geschaffen und für Ihn da: Israel und die Kirche samt allen Nationen. Daß er uns dahin bringe, daß wir sind, was wir sein sollen, das ist unsre inständige Bitte und unsre einzige Hoffnung! Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christo Jesu,
Amen.

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