Anna-Lena Peterson Interview 1988

aus: Zeitschrift für Kirche und Judentum, No. 2, 1988, pp. 106-111

Besuch bei einer Zeitzeugin

Schwester Anna-Lena Peterson in der Seegasse in Wien

Am letzten Tag der diesjährigen Zusammenkunft der Lutherischen Europäischen Kommission Kirche und Judentum fahre ich mit Frau Sigrid Koch in den 9. Wiener Bezirk, zur Seegasse 16. Das Haus in der Seegasse war von 1921 bis 1974 Stützpunkt der Schwedischen Israelsmission, und es hat in dieser Zeit viel erlebt. Das große Haus mit der schönen Jugendstilfassade trägt immer noch über dem Türsturz die Inschrift Schwedische Mission. Eine Tafel weist auf die Messiaskapelle im Erdgeschoß hin, die diesen Namen beibehalten hat, jetzt aber von der Evangelischen Stadtgemeinde als Predigtstelle benutzt wird.

In den ersten Jahren ab 1921 waren hier zwei schwedische Schwestern tätig, um in Not geratenen Judenchristen und Juden beizustehen. 1933 wurde der Judenchrist Pastor Friedrich Forell, der aus Breslau hatte weichen müssen, Leiter der Arbeit. Er mußte gleich nach dem „Anschluß“ 1938 fliehen und gelangte über Prag, Schweden und Frankreich schließlich in die USA. 1936 war Pastor Göte Hedenquist nach Wien gekommen, der die Arbeit bis 1940 fortführte. Im Juli 1941 mußten alle Mitarbeiter der Israelsmission (Pastor lvarsson, Pastor Johannes Jellinek, Schwester Greta Andrén bis auf Schwester Anna-Lena Peterson Wien verlassen, die als letzte im November ging.

In den Jahren 1936-38 hatte hier auch das Institutum Judaicum Delitzschianum unter Leitung von Hans Kosmala eine zeitweilige Bleibe gefunden, nachdem es in Leipzig seine Tätigkeit einstellen mußte.

Die Jahre von 1938 -1941

Schwester Anna-Lena empfängt uns in ihrer geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung. Man sieht ihr die fast 85 Jahre nicht an. Präzise und lebhaft, aber mit einer wohltuenden Zurückhaltung berichtet sie von ihren Erlebnissen: Im Februar 1938 war sie Leiterin eines Kinderheims in der Nähe von Göteborg, als sie vom damaligen Missionsdirektor Pernow gefragt wurde, ob sie nach Wien gehen wolle. Bald danach erfolgte der „Anschluß“ und alle Pläne schienen erledigt zu sein. Aber am 1. Juli 1938 war sie doch in Wien.

Die Aufgabe der Schwedischen Mission bestand damals vor allem darin, Juden und Judenchristen bei der Auswanderung zu helfen. Bischof Eder von der Evangelischen Kirche Osterreichs hatte Pastor Hedenquist gebeten, sich besonders der Judenchristen anzunehmen. Über 3000 Menschen konnte zur Auswanderung geholfen werden und damit zur Lebensrettung. Es muß damals großer Andrang in der Seegasse geherrscht haben. Die Menschen waren in der Stunde der Gefahr aufgewühlt, sie suchten nach Orientierung. Das hat sich auch in einer Art geistlicher Erweckung ausgewirkt, so daß Sonntag für Sonntag zwei Gottesdienste gehalten werden mußten mit je einhundert Teilnehmern. Obwohl der Übertritt keinerlei Vorteile versprach, meldeten sich viele zum Taufunterricht, der ein halbes Jahr dauerte. Zu der besonderen Stimmung der Gottesdienste trug einerseits bei, daß jedesmal eine Reihe von Ausreisenden verabschiedet werden konnte, andererseits eine ständige Überwachung durch die Gestapo stattfand. Pastor Hedenquist war mehrere Male bei Adolf Eichmann und erreichte es. daß im gleichen Haus ein Zimmer eingerichtet wurde, in dem zwei junge Männer den Juden bei der Ausfüllung der unzähligen Auswanderungsformulare halfen, wobei sie auch manche Informationen über die Absichten der Dienststelle Eichmann erhielten. Jede Woche gehörte es mehrfach zu den Aufgaben der Mitarbeiter in der Seegasse, Auswanderer zur Verabschiedung zum Bahnhof, zum Flugplatz oder zum Schiff zu begleiten. Dies währte bis zum Frühjahr 1941, als eine neue Phase der Judenverfolgung eintrat: Das Paßamt für Juden wurde geschlossen. Damit gab es keine Auswanderung mehr, nur noch Deportationen.

Zwei Erinnerungen sind Schwester Anna-Lena besonders haften geblieben: Die Zeit nach der „Reichskristallnacht“, als etwa tausend jüdische Männer in einem Reitstall in der Pramergasse in der Nähe eingesperrt waren vor dem Abtransport nach Dachau, und sie versuchte, Kontakt zu den Eingeschlossenen zu bekommen. — Oder im Februar 1939, wo es gelang, einen Transport mit 60 judenchristlichen und jüdischen Kindern nach Schweden zu schicken. Da war viel Polizei bei der Abfahrt zugegen und viele weinende Eltern, während auf dem Nachbarbahnsteig ein KdF-Transport unter Lachen und Fröhlichkeit verabschiedet wurde. (Von den Kindern blieben einige in Schweden, wenige kehrten trotz allem nach Wien zurück.)

Ab Herbst 1939 übernahm Schwester Anna-Lena eine neue Aufgabe, die Leitung des „Schwedenheims“ in Weidling bei Wien, das zunächst als Ferienheim gedacht war, bald aber zu einem Altenheim für verfolgte „Nichtarier“ wurde. In diesem Amt hatte sie viel mit den Behörden zu kämpfen, z. B. wegen der Eintragung der Zwangs-Vornamen für „Nichtarier“ — „Israel“ bzw. „Sara“. — in den Listen, die als Unterlage für die Lebensmittelkarten dienten. Das bereitete ihr oft schlaflose Nächte.

Die Haltung der Bevölkerung war unterschiedlich. Als Schwester Anna-Lena einmal über Nacht weg war, fand sie am nächsten Tag die Fensterscheiben der Straßenseite eingeworfen vor — bei ihrer Anwesenheit hätte man das nicht gewagt. (Eine NSV-Leiterin, die gegenüber wohnte und aufpaßte, machte öfters Schwierigkeiten.) Gegenüber wohnte aber auch ein Gärtnerehepaar, von dem die schwedische Schwester immer wieder heimlich Gemüse und Milch erhielt, zur Aufbesserung der kargen Rationen der Heimbewohner. Oder eine andere Nachbarin flüsterte ihr auf der Straße zu, ohne sie anzusehen: „Holen Sie sich einen Sack Kartoffeln im Garten!“ Auch in den Geschäften war die Behandlung unterschiedlich. Beim Vorzeigen der Lebensmittelkarten mit den verräterischen Vornamen „Israel“ und „Sara“ gab es häßliche Worte und schikanöses Verhalten.

Aber es kam auch vor, daß der Geschäftsmann laut sagte: „Für das Schwedenheim gibt es kein Frischgemüse“, dann aber unter dem Ladentisch wirklich gute Sachen einpackte. – Einmal mußte ein fremder Arzt zu einer erkrankten Judenchristin geholt werden, der in brauner Uniform erschien. Als er merkte, wo er sich befand, brauchte es viel Überredungskunst, bis er sich herbeiließ, die Kranke ins Krankenhaus zu überweisen. Dort gab es neue Schwierigkeiten — man weigerte sich, die „Nichtanerin“ aufzunehmen und verwies sie an das jüdische Rothschild-Krankenhaus; dort wurde sie aufgenommen, obwohl man wußte, daß es sich um eine Judenchristin handelte.

„Angst um mich selbst habe ich nicht gehabt.“, sagt Schwester Anna-Lena, „aber viele schlaflose Nächte wegen der Sorgen um die Menschen, die mir anvertraut waren — und auch Angst um sie“. Einmal wurde sie zur Gestapo abgeholt. Es ging um einen alten Herrn, einen judenchristlichen Rechtsanwalt, der in seiner Kirchengemeinde Ämter innegehabt hatte. Er hatte mit seiner Frau ein christliches Mädchen adoptiert. Seine Frau war verstorben. Nach dem „Anschluß“ wurde ihm verboten, mit seiner Tochter zusammen in seiner Wohnung zu leben. So kam er in das Schwedenheim, während die Tochter in der Wohnung blieb. Jetzt war er wegen „Rassenschande“ angezeigt worden, man hatte ihn bereits einen Tag lang verhört. Nun wurde Schwester Anna-Lena verhört und auch noch sein Zimmergenosse. Da aber alle Aussagen übereinstimmten, wurde die Anklage fallengelassen.
Zum Bild jener Zeit gehört es auch, daß der Gemeindepfarrer von Weidling sich nie im Heim zeigte. Dafür hatte er zum 50. Geburtstag des „Führers“ im April 1939 ein langes Gedicht im Evangelischen Gemeindeblatt veröffentlicht, das in der Aussage gipfelte: „Wenn Hitler in den Himmel kommt, stehen alle Kinder empfangsbereit, und der liebe Gott beugt sein Haupt“. (Dieser Pfarrer wurde 1945 abgesetzt.)

Die Zeit der Deportationen

Im Juni 1941 erhielt die Schwedische Israelsmission den Befehl zur Aufgabe der Arbeit. Pastor Hedenquist machte noch einmal einen Vorstoß bei der Gestapo, aber vergeblich. Beim Eintreffen der Nachricht hatten im Schwedenheim in Weidling alle geweint. Man ahnte, was das bedeutete.

Da durch die Ausweisung der Mitarbeiter der Schwedischen Mission in der Seegasse Platz entstanden war, sollte das Schwedenheim in Weidling dorthin verlegt werden. Es sollte zum Heim für ältere Judenchristen und konfessionslose Juden werden, während schräg gegenüber das Jüdische Altenheim war. Schwester Anna-Lena erhielt als einzige Mitarbeiterin die Erlaubnis, zu bleiben, bis das Haus in Weidling leer war. „Da wurde es brenzlig“, sagt sie schlicht. Ende November 1941 war das Heim leer, seit Oktober hatte die Schwester schon in der früheren Wohnung von Pfarrer Jellinek in der Seegasse gewohnt.

Seit dem Frühjahr 1941 hatten die Deportationen eingesetzt, verstärkt seit dem September. Die Aufforderung sich bei der Sammelstelle einzufinden, kam per Postkarte. So wurde die tägliche Postverteilung in Weidling zu einer angstvollen Angelegenheit. Wenn keine solche Postkarte dabei war, breitete sich Erleichterung aus: „Wir konnten noch einen Tag miteinander haben! Und in der Abendandacht dankten wir für einen weiteren Tag. — Man lernt die Tage zu schätzen in solcher Zeit“, sagt Schwester Anna-Lena. Im Oktober und November ging jede Woche ein Transport von tausend Leuten ab. Die Listen holte sich die Schwester von der Jüdischen Kultusgemeinde (diese Zusammenarbeit war in der Zeit der Not möglich), um nachzusehen, ob Judenchristen darunter waren, und um diese zu besuchen. — Ein solcher Besuch ist Schwester Anna-Lena besonders im Gedächtnis geblieben: Die Besuchte sagte ihr: „Ich weiß genau, daß ich dort, wo ich jetzt hinkomme, keine christliche Beerdigung bekomme. Bitte, segnen Sie mich jetzt.“ Dreiviertel Stunden danach wurde sie von der Gestapo abgeholt. Es kam auch vor, daß auf ihr Klopfen niemand mehr aufmachte, weil die Menschen schon in der Nacht abgeholt worden waren — die Möbel gleich danach. So oft es ging, begleitete Schwester Anna-Lena die Menschen bis zur Sammelstelle, allerdings nur bis zur Tür, weiter durfte sie nicht mit. (Es müssen herzzerreißende Augenblicke gewesen sein. Unwillkürlich fällt mir das „und gingen die beiden miteinander“ von 1. Mose 22 ein.) „Man ahnte, was kam“, sagt Schwester Anna-Lena schlicht.

Ihre Aufenthaltsbewilligung galt bis zum 1. Dezember 1941. Als sie zum Paßamt ging, um noch einmal eine Verlängerung zu beantragen, schrie sie der Beamte an: „Fahren Sie nach Hause! Wir haben genug von Ihnen!“ Da wußte sie, daß es keinen Zweck mehr hatte.

In all den Jahren waren die Gottesdienste in der Messiaskapelle in der Seegasse eine Kraftquelle für sie. In den Gottesdiensten der evangelischen Kirchengemeinden war sie allerdings nie: Wenn ihre Judenchristen dort nicht hingehen durften, wollte sie dort auch nicht hin.

1946 – 1950: Mit „Rädda Barnen“ wieder in Wien

Nach ihrer erzwungenen Rückkehr nach Schweden blieb Schwester Anna-Lena ihrer Aufgabe treu. Von 1942 – 1945 betreute sie in Malmö Juden, die durch Graf Bernadotte gerettet worden waren. 1945 -1946 leitete sie in Mittelschweden ein Jugendheim für Überlebende der KZ-Lager, wo diese betreut wurden, bis sie nach Hause konnten. Als sie Anfang 1946 von dem schwedischen Kinderhilfswerk „Rädda Barnen“ gefragt wurde, ob sie in dessen Dienst in Wien arbeiten wolle, sagte sie gleich zu. So kam sie im März 1946 wieder nach Wien. Ihre Aufgabe bestand in der Organisation und Durchführung einer Kinderspeisung für Drei- bis Sechsjährige. Die Menschen waren sehr apathisch. Kaum einer fragte sie, warum sie Wien so gut kannte und gut deutsch sprach.

Kinderspeisung in Wien durch das Schwedische Rote Kreuz und Rädda Barnen (Rettet das Kind)
Kinderspeisung in Wien durch das Schwedische Rote Kreuz
und die Organisation „Rädda Barnen“ (Rettet das Kind)
Photo: Schwedisches Institut, Sverige och Österrike

Aber ihre frühere Aufgabe kam auch schnell wieder auf sie zu. Als sie am ersten Tag in Wien über die Straße ging, in einer Art Uniform mit einem Abzeichen in den schwedischen Farben, sprach sie jemand an: „Sie sind Schwedin? Wissen Sie etwas von Schwester Anna-Lena?“ So kam sie schnell wieder in Kontakt mit den Überlebenden. Da sie wieder in der Seegasse wohnte, wurde ihr Dienst so eingeteilt. daß sie dort vormittags die Kinderspeisung, Kleiderspenden und dergleichen betreute und den Nachmittag für die überlebenden Judenchristen zur Verfügung hatte. Der neue Bischof May und der Wiener Stadtsuperintendent Traar zeigten sich sehr hilfsbereit. Traar kam auch zu Gottesdiensten in die Messiaskapelle. Schon am zweiten Sonntag wurde Schwester Anna-Lena in einen Frauenkreis aus Überlebenden eingeladen. In ihrem Wohnzimmer in der Seegasse rief sie bald einen Mädchenkreis zusammen. Die Messiaskapelle war zunächst vollgestopft mit Kleidern. Doch die Judenchristen wollten nicht in eine Kirche gehen. So wurde doch Platz gemacht und der Raum notdürftig für Gottesdienste hergerichtet, der von einem Wiener Pfarrer gehalten wurde, einmal im Monat besonders für die „Schwedische Mission“

1950 -1974: Wieder ganz bei der Schwedischen Israelsmission

Ab 1950 war Schwester Anna-Lena Peterson wieder ganz im Dienst der Schwedischen Israelsmission. Es ging um soziale Arbeit für die Rückkehrer, die aus vielen Ländern kamen, so aus Syrien, Holland, Schweden, Kalifornien/USA — Christen, Juden und Konfessionslose. – 1958 bekam die Schwedische Mission das Schwedenheim in Weidling wieder zurück, das modernisiert wurde zu einem Altenheim für 20 Bewohner. Die politischen Unruhen — der Ungarnaufstand 1956, der Prager Frühling 1968— brachten immer wieder neue Flüchtlinge, die Hilfe brauchten.

Gut entwickelte sich die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche. Seit 1952 war Pfarrer Adolf Rücker an der Evangelischen Stadtkirche. Er führte sonntägliche Gottesdienste in der Messiaskapelle ein, als Außenstelle der Stadtkirchengemeinde. Rückers Predigten zogen viele Menschen an. Sowohl die Judenchristen, die zunächst zurückhaltend waren, als auch andere fühlten sich angesprochen, sogar ehemalige Nazis, und langsam wuchsen alle zu einer Gemeinde zusammen. Jedoch waren den Judenchristen noch lange Zeit ihre besonderen Gemeindekreise teuer. Ansonsten aber entfaltete sich in der Messiaskapelle ein normales Gemeindeleben.

Schwester Anna-Lena behielt Kontakt zu ihren früheren Schutzbefohlenen, die jetzt in anderen Ländern lebten, mehrfach ist sie als Taufpatin bei deren Kindern gebeten worden, bis hin in die USA.

Im Jahre 1974 stellte die Schwedische Mission — inzwischen umbenannt in „Reichsorganisation Kirche und Judentum“ — ihre Tätigkeit in Wien ein: die Vorstellungen über die Arbeit hatten sich verändert, es fehlte an Geld. Die Häuser in Weidling und in Wien wurden verkauft, das Haus in der Seegasse an die Evangelische Stadtgemeinde, die weiterhin die Messiaskapelle als Predigtstelle nutzt. Nach Pfarrer Adolf Rückers Tod am 21. Mai 1978 ist allerdings die Verbindung zu der Arbeit mit den Judenchristen abgerissen. In seinem Bemühen um die Fortführung der Tradition der Seegasse hat er keinen unmittelbaren Nachfolger gefunden. — Vorläufig finden noch die Gottesdienste der kleinen, durch internationale Organisationen verstärkten schwedischen Gemeinde in der Messiaskapelle statt: aber das wird wohl aufhören, wenn Schwester Anna-Lena im Herbst nach Göteborg umzieht, wo eine Wohnung für sie bereitsteht.

Sei getreu bis an den Tod So will ich dir die Krone des Lebens geben. Unseren Toten in den Jahren der Verfolgung 1938 - 1945 zur Erinnerung

In der Messiaskapelle erinnert noch ein Kreuz an der Wand an die Vergangenheit, das nach dem Krieg von Überlebenden gestiftet wurde mit der Inschrift „Unseren Toten den Jahren der Verfolgung 1938 -1945 zu Erinnerung“. An der gegenüberliegen Wand hängt eine Tafel, die kurz die Geschichte der Seegasse berichtet, mit dem Bibelwort Jes. 54, 10, das den Emigranten in ihre Neuen Testamente eingetragen wurde.

Gedenktafel in der Messiaskapelle

Man hat den Eindruck: Hier ist eine Arbeit zu Ende gegangen. Schwester Anna-Lena berichtet auch davon in ihrer nüchternen, unpathetischen Art. Sie findet es normal, daß ihre früheren Schützlinge jetzt in ihre Wohnsitz-Kirchengemeinden hineingewachsen sind Aber ganz zum Schluß bricht es doch aus ihr heraus: „Es ist schade, daß die Evangelische Kirche in Österreich die Arbeit an ihren eigenen Mitgliedern nicht aufgenommen und weitergeführt hat.“

Dieses Haus gehörte von 1920 – 1973 der „Schwedischen Gesellschaft für Israel“, seit 1938 „Schwedische Mission Stockholm, Missionsstation Wien“ genannt.

In den schwierigen Jahren 1934 – 1941 wurden durch ihre segensreiche Tätigkeit über 3000 Juden und evangelische Christen jüdischer Herkunft ins Ausland gerettet.

In dieser Zeit was Direktor der Mission in Schweden:

  • Pfarrer Birger Pernow.

In Wien wirkten:

  • Pfarrer Friedrich Forell  1934 – 1938
  • Pfarrer Göte Hedenquist  1936 – 1940
  • Pfarrer Johannes Ivarsson  bis Juni 1941

bis zur Schließung der Missionsstation durch die nationalsozialistischen Machthaber.

1945 wurde die Missionsstation wieder eröffnet und stand fortan unter der Leitung der schwedischen Diakonisse

  • Anna-Lena Peterson

Unter Mitwirkung von

  • Pfarrer Felix Propper     1951 – 1960
  • Pfarrer Adolf Rücker     1961 – 1973

Im Jahre 1973 wurde das Haus von der evangelischen Pfarrgemeinde A.B. Wien-Innere Stadt erworben und dient als Zentrum der Predigtstation Wien-Alsergrund.

„Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer“
(Eintragung in die Neuen Testamente,
die den Emigranten mitgegeben wurden)

Als wir dann unten auf der Straße auf das Taxi warten und noch einmal zu der winkend Frau oben am Fenster hinaufschauen, da haben wir beide den Eindruck: Wir sind ein Zeitzeugin begegnet. Die Zeit vor fünfzig Jahren ist noch einmal beklemmend wach geworden, eine Zeit, in der Schreckliches geschah, in der es aber auch Menschen gab, die einfach da waren und halfen, soviel sie konnten. Menschen wie Anna-Lena Peterson.

Arnulf H. Baumann

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