Greta Andrén – Leseproben

Leseproben aus dem Buch: „Ein Brief Christi“ (Ett Krystusbrev)
Übersetzung von Johannes Jellinek

Titelseite der deutschen Erstausgabe Svenska Israelsmissionens, Andelsförenings Bokförlag Stockholm 1947, Originalausgabe erschienen Dez. 1944

Titelseite der 2. Ausgabe R. Brockhaus Taschenbuch Nr.78 Wuppertal 1977, ISBN 3-417-00685-6

Vorwort

Dieses Buch habe ich als einen Dank an Gott für meine Freundin Gerty Fischer geschrieben, die ich begleiten durfte, bis sich die Tore der Deportation hinter ihr schlossen. Niemand, der Gerty begegnet ist, kann sie vergessen. Wir beugen uns in Ehrfurcht vor dieser Heiligen.

Begegnet ihr nun, ihr alle!

Und begegnet in ihr Gottes Liebe!

Greta Adrén
Stockholm, im Advent 1944

Gerty Fischer und die Seegasse

Das ist ein ungewöhnlich zeitiger und schöner Frühling, dieser Frühling des Jahres 1938.

Die vielen Gärten und Anlagen der alten Kaiserstadt Wien stehen in schönstem Grün. Die Sonne strahlt auf die berühmten Barockbauten herab, und darüber erhebt sich stolz der Stefansturm, das Wahrzeichen dieser Stadt mit ihren reichen Erinnerungen an eine große und glanzvolle Geschichte, an unvergeßliche Musiker und Dichter.

Wiens Kennzeichen waren Freude und Musik. Auch an diesem Märztag brausen Freude, Gesang und Musik durch die Straßen. Aber es sind die Märsche des Nachbarlandes und seine schmetternden, siegesgewissen Kampflieder. Viele Österreicher sind es, die so im voraus in erwartungsvollem Jubel feiern: Heute oder spätestens morgen wird der Sieg errungen sein! Und dann wird Österreich ein Paradies werden!

Vor dem großen Schaufenster des Deutschen Reisebüros drängen sich die Menschen. Hier bei der Oper, an der Kreuzung der Kärntner Straße und des Ringes, ist der Jubel am größten.

Hier steht Gerty Fischer.

Mit großen, erschreckten Augen betrachtet sie die wogenden Menschenmassen. Obgleich es beinahe drückend warm ist, zieht sie den Pelzmantel enger um sich. Sollten die einander jagenden Gerüchte der letzten Tage etwa doch Wirklichkeit werden? Nationalsozialismus in Österreich? Marschstiefel und Judenjagd?

Aus einer Seitengasse kommt ein anderer Menschenhaufe. Singend. Die alten österreichischen Lieder übertönen jetzt die neuen Kampfgesänge. Mit verbissenem Trotz erheben diese Österreicher ihren Kampfruf: »Rot – weiß – rot bis in den Tod!« Und darin ertrinken die Heilrufe.

Gerty atmet auf.

Hier in Österreich kann nichts geschehen. Das goldene Wiener Herz kann niemals kalt, hart und lieblos werden. Es ist ja erst wenige Tage her, daß Zehntausende von Tiroler Bauern beim großen Appell des österreichischen Bundeskanzlers ihr »Rot – weiß – rot bis in den Tod!« jubelten. Sie werden die österreichischen Farben bis zum äußersten verteidigen. Und im übrigen — es ist ja völlig undenkbar, daß es zum Kampf kommen könnte…

Noch klingen die Vaterlandslieder Gerty in den Ohren. Beruhigt macht sie sich auf den Heimweg.

Sie geht die Ringstraße hinab, vorbei an den schönen Gebäuden und Denkmälern. Da ist das Rathaus! Die untergehende Sonne vergoldet den spitzen Turm und leuchtet durch das Gitterwerk der Fenster. Hoch oben steht der Eiserne Mann — das Wahrzeichen der Freiheit und Kraft Österreichs. Gerty sieht zu ihm hinauf und nickt ihm zu: Du verläßt uns nicht…!

Sie hat einen weiten Heimweg. Aber sie geht zu Fuß. Sie genießt gleichsam die neue Gewißheit, daß der Eiserne Mann nicht versagen wird.

Ihr Weg fährt sie den Donaukanal entlang. Das ist zwar ein Umweg; aber was hat das heute zu bedeuten! Alles ist ja so schön! Gerty geht durch die öffentlichen Gärten — hier blühen schon die Veilchen. Sie kommt hinaus zu den vornehmen Villenvierteln an den äußersten Abhängen des Wienerwaldes.

Und dann betritt sie ihr Haus, in dem alles von Reichtum und Geschmack zeugt. Schon auf der Treppe tönt ihr Radiomusik — die österreichische Volkshymne — entgegen. Ihr Gatte ruft: »Schnell, Gerty, komm — sie haben gerade eben eine wichtige Nachricht im Radio angekündigt!«

Auch Liesl und Erika, die beiden Töchter, kommen eiligst aus ihren Zimmern, um an der erwarteten frohen Botschaft teilzuhaben. Gerty sieht ihre Töchter an und denkt: Warum haben wir eigentlich Herbert nach Palästina reisen lassen? Das war wohl recht voreilig und unnötig. Es gibt ja keine Gefahr für die Juden!

Dann beginnt der Bundeskanzler zu sprechen.

Und seine Mitteilung: Mit dem alten Österreich ist es zu Ende…

Noch einmal ertönt Haydns Volkshymne. Und bricht ab. Und jetzt — brausende Heilrufe. Eine schwache Stimme klingt hindurch: »Österreich… Österreich…« Dann donnern die neuen Kampflieder…

Die vier Menschen sitzen wie versteinert. Endlich findet Georg die Kraft, den Lautsprecher abzustellen: »Jetzt ist alles aus für uns. Wir sind Juden. Wenn du auch getauft bist, Gerty, so hat das doch keine Bedeutung. Uns bleibt nur eins: Selbstmord…«

(…)

In einer kleinen, grauen Seitengasse steht ein Haus mit einem breiten Schild über dem Tor; rechts und links ist die schwedische Flagge gemalt. Es ist die Wiener Station der Schwedischen Israelmission.

Viele Menschen haben seit dem 11. März dies Haus aufgesucht, sind durch diese Tür eingetreten. Alle sehen sie so erschreckt und ängstlich aus. Ihre Augen fragen: Was soll nur aus uns werden? Könnt ihr uns helfen?

Sie weinen und starren vor sich hin.

Viele von ihnen sind deutsche Auswanderer, die schon einmal gezwungen waren, Haus und Heimat zu verlassen. Diese Emigranten fühlen sich hier schon heimisch – es ist ja ein Haus, das vom Judenhaß unberührt ist.

Diejenigen, die erst jetzt den Weg hierher gefunden haben, sind neugierig und scheu gegenüber diesen merkwürdigen »Ariern«, diesen Schweden, die einem Juden die Hand geben und Zeit und Interesse und sogar Liebe übrig haben für die Ausgestoßenen, ja, die gleichsam nur um der Ausgestoßenen willen da sind.

An der Tür steht der Hausmeister mit dem schönen Namen Paradies. Er ist so eifrig, wenn es gilt, die Ankömmlinge in das kleine Himmelreich zu weisen, dessen Tor er bewacht. Er fühlt beinahe die Verantwortung eines Seelsorgers, wenn er – lächelnd und dienstwillig – den Zögernden den Weg weist. Es ist, als könnte er in ihren Gesichtern lesen, was sie wünschen. »Schwierigkeiten mit der Miete? Hier ist die Unterstützungskanzlei – aber gehen Sie erst hinauf zum Pastor, er hat sicherlich einen Rat für Sie! Hier durchs Stiegenhaus – gehen Sie nur hinauf!«

Er geht ein Stück mit die Treppe hinauf und liefert seinen Schützling mit einem freundlichen Nicken ab. Und wieder hinunter, um den Nächsten in Empfang zu nehmen.

Das Wartezimmer des schwedischen Pfarrers ist voller Menschen. Man muß lange warten. Aber es tut so wohl, sich aussprechen zu dürfen. Der Pastor nimmt ja teil an allen Sorgen aller dieser Menschen.

Im Wartezimmer beginnt man vorsichtig ein kleines Gespräch mit dem Nachbar. Und man sieht sich um und mustert die Wände. Dort über der Tür ein Bild! Ein Rätsel: Im weit offenen Rachen eines furchtbaren Untiers sitzt ein kleiner Engel ruhig und sicher und bläst auf seiner Flöte, unbekümmert darum, daß sich das Drachenmaul im nächsten Augenblick schließen kann. Die Menschen hier fragen einander, was dieses Bild vorstellen mag. Einer hat die Erklärung entdeckt:

»Fürchte dich nicht — glaube nur!« steht mit kleinen Buchstaben unter dem Bild.

Glaube? Sie ahnen vielleicht, daß es so etwas gibt. Aber jetzt ist in ihren Herzen nicht mehr als eine blasse Hoffnung.

In der Auswanderungsabteilung, zwei Stockwerke höher, ist die Stimmung nicht besser.

Hier wimmelt es von Menschen, die ihr größtes Glück darin sehen, die Heimat zu verlassen und landflüchtig zu werden. Schon in der Tür fragen ihre Augen: Könnt ihr uns hinaushelfen in ein freies Land, wo wir wieder freie Menschen, Menschen wie andere werden können? — Noch gibt es Möglichkeiten zur Auswanderung, freilich unter großen Schwierigkeiten. Aber einigen gelingt es doch.

Ein Menschenstrom geht an der Tür der Auswanderungsabteilung vorbei, noch zwei Stockwerke höher, zur »Ausspeisung«, wo rund hundert Leute täglich Gäste am Missionstisch sein und sich ordentlich satt essen dürfen.

Aber täglich gibt es hier auch Gottes Wort für ausgehungerte Herzen.

Hierher kommt eines Tages Gerty Fischer.

»Helfen Sie mir sterben! Oder helfen Sie mir leben!«

Gerty erzählt dem Pastor ihre Geschichte: Der Mann hat das Recht zur Ausübung seiner Praxis verloren. Das Vermögen wurde beschlagnahmt. Die Hausgehilfinnen mußten gehen. Die Wohnung mußte geräumt werden.

Ein Versuch, sich gemeinsam das Leben zu nehmen, mißglückte.

»Was soll nur aus uns werden? Ich bin so unpraktisch. Ich weiß nicht, was für Menschen ihr seid. Und ich weiß nicht, was ihr eigentlich wollt. Ich weiß nicht einmal, ob ihr überhaupt helfen könnt. Aber ich bitte Sie, Herr Pastor: Helfen Sie mir sterben, oder helfen Sie mir leben… ! «

Draußen im Wartezimmer werden die Leute ungeduldig. Der Pastor hat so lange mit Gerty Fischer zu sprechen.

Sie geht langsam nach Hause. Die letzten Worte, die sie hörte, Hingen in ihr nach: »Willkommen beim Gottesdienst am Sonntag!« — Soll ich mich wirklich um so etwas kümmern? Das ist nichts für mich… Gott? Es kann ja keinen Gott geben, wenn all dies geschehen kann . . . Nein, ich glaube nicht, daß ich hingehe…

Aber am Sonntag steht sie doch in der Tür zum überfüllten Kirchensaal. Kein Platz? Merkwürdig… Auf den Stufen im Treppenhaus, dort wo es hinauf in die Pfarrerswohnung geht und von wo aus man den Altar des Kirchensaales sehen kann, sitzen die Menschen dichtgedrängt. Und in der Vorhalle – kein Platz frei. Aber Herr Paradies hat kaum einen neuen

Schützling entdeckt, so eilt er mit einem Stuhl herbei. Woher hat er ihn? Vierhundert Menschen – und es gibt doch nur zweihundert Stühle im Saal! Aber während des Gottesdienstes kann man in der Pastorswohnung, im Schwesternheim, in der Auswanderungsabteilung und in der »Ausspeisung« vergebens nach Sitzgelegenheiten suchen: Paradies hat reinen Tisch gemacht!

Gerty bekommt einen Platz in der Vorhalle.

Vor sich hat sie die große, schweigende, lauschende Gemeinde.

Welche Gemeinde!

Herr Paradies stellt sich hinter Gerty und flüstert: »Dort sitzt ein Universitätsprofessor. Neben ihm ein Schauspieler.« Mit einem Kopfnicken weist er in eine andere Ecke des Saales: »Dort ist der Tischler aus dem Nebenhaus. Und der ihm das Gesangbuch reicht – ein Theaterdirektor aus Düsseldorf. Die Frau dort beim Fenster ist mit dem berühmten Spezialisten Lerk verheiratet. Und dort, in der ersten Reihe, sehen Sie ganz drinnen an der Wand: eine Sängerin, die oft vor dem Kaiser gesungen hat. Und schräg hinter ihr – der Astronom Luma. Dort hinten bei der Orgel hinter Schwester Ebba – unsere Jugendlichen und unsere Kinder… «

Gerty staunt: Welche Gemeinde!

Sollte es doch möglich sein, daß Gott lebt. . .

Die Lieder der Gemeinde, der Altardienst, die Predigt — alles braust über sie hin. Sie hört alles wie im Traum. »Lasset uns Ihn lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt . . .« Uns? Mich?

Nach dem Gottesdienst steht sie wie betäubt und sieht, wie sich alle um den Pfarrer und um die Diakonisse drängen. Soll auch sie nach vorn gehen?

Nein, nicht heute!

Sehnsucht und Kritiklust, Gertys altgewohnte Gefühle, Streiten in ihr.

Die Menschen gehen. Und Gerty wird von ihrem Strome mitgeführt.

»Gott hat uns zuerst geliebt . . .« – diese Worte lassen Gerty nicht zur Ruhe kommen. Sie verfolgen sie Tag und Nacht und treiben sie immer wieder zu den Gottesdiensten und Bibelstunden in der Schwedischen Mission und zu den neuen Freunden, die sie dort gefunden hat. Langsam öffnen sich ihr die Türen zu einer neuen Welt, einer Welt der Liebe und Geborgenheit. Ihr ganzes Wesen streckt sich aus nach der Vaterliebe Gottes.

Sie hat auch eine Bibel bekommen. Und nun liest, studiert, grübelt sie.

Hat ihr ein Bibelwort ein Stück auf ihrem schweren Weg weitergeholfen, so vermerkt sie das sogleich am Rande.

Stößt sie auf ein schweres und unbegreifliches Wort, so kommt ein Fragezeichen an den Rand oder die Bemerkung:

»Ich muß zum Pastor gehen und ihn fragen.«

Wenige Ausrufungszeichen, viele Fragezeichen!

Täglich kommt sie mit Bibel und Notizbuch zum Pfarrer, um Hilfe zu suchen. Hilfe — das bedeutet für sie das rein intellektuelle Verständnis des Bibelwortes. Und alle Erklärungen finden ihren Platz sogleich in ihrem kleinen schwarzen Notizbuch. Sie wartet ungeduldig auf ein Wunder, darauf, daß sie stark und frei und froh wird. Aber das Wunder kommt nicht. Sie müht sich Tag und Nacht, um zu lernen, zu verstehen und anders zu werden.

Und da nichts geschieht, verliert sie aufs neue die Kraft.

Eines Morgens taucht Gerty stark und unabweisbar in Schwester Ebbas Gedanken auf. Sie hat Gerty bis dahin niemals besucht. Und nun findet Ebba keine Ruhe, ehe sie sich auf den Weg macht, um zu dieser zeitigen Morgenstunde Gertys jetzige Wohnung im ältesten Wien zu suchen. Es ist gar nicht so leicht hinzufinden: eine schmale, winkelige Gasse im Schatten des Stefansdomes.

Da ist das Haus, alt, mit einem langen, finsteren Flur und steilen, engen Treppen! Draußen auf der Straße ist es schon

heller Tag; aber hier herein dringt das Licht nur spärlich durch ein paar schmale Scheiben, die auf einen dunklen Hinterhof gehen. Nach einigem Suchen findet die Schwester das Türschild FISCHER. Sie läutet.

Eine Weile dauert es, dann sieht sie ein Auge in dem kleinen Guckloch in der Tür, in diesem für Wien so typischen Guckloch. Es bewährt sich so gut als Schutz gegen die Bettler. Und es gibt die erwünschte Möglichkeit zu sehen, wer draußen steht, ohne daß man selbst gesehen wird, und sich auf den Besuch zu rüsten.

Gerty konnte ihr Erstaunen nicht verbergen.

»Bitte, kommen Sie herein, Schwester – aber was machen Sie so zeitig auf der Straße?« Gerty geht der Schwester voran durch den dunklen, schmutzigen Vorraum, hinein in den unaufgeräumten Arbeitsraum des Mannes, wo Bücher und Papier wild über den Boden verstreut liegen. »Hier sieht es fürchterlich aus – aber .ich habe keine Kraft und keine Lust, mein Haus in Ordnung zu halten. Und im übrigen kann ich es nicht einmal: Ich habe nie so etwas gemacht, hab‘ es niemals machen müssen..

Sie kommen in das Schlafzimmer, wo die Betten noch ungemacht stehen. Gerty sieht sich verzweifelt nach einem freien Stuhl um. Überall liegen Kleider, Briefe, Photographien und Bücher. Von zwei Stühlen streift sie alles, was darauf liegt, auf den Boden und rückt sie in die einzige freie Ecke des Zimmers.

»Warum sind Sie gerade jetzt gekommen, Schwester, so zeitig?«

Schwester Ebba antwortet: »Das weiß ich kaum selbst. Ich weiß nur, daß mich Gott heute morgen an Sie erinnert hat und daß ich keine Ruhe fand, bevor ich Sie traf. .

Gerty sitzt einen Augenblick ganz still. Dann schüttelt sie den Kopf: »Merkwürdig…«

Und nach einer Weile weiteren Schweigens bricht es aus ihr hervor:

»Es ist merkwürdig, daß Sie gerade jetzt gekommen sind. Gott hat Sie an mich erinnert? Gibt es so etwas? Kümmert Er sich denn wirklich um mich? Ich hatte mir so viel vom Christentum erhofft – ich glaubte, daß alles anders werden sollte! Ich dachte, das Leben würde viel leichter zu leben sein, und die Schwierigkeiten würden sich eher tragen lassen… ! Aber gar nichts ist anders geworden! Nichts ist besser geworden! Georg hat nach wie vor keine Arbeit! Und ich muß nach wie vor denselben aussichtslosen Kampf führen, um das Heim zusammenzuhalten. Sie sehen ja, wie es hier aussieht – man kann kaum hereinkommen! – Ja, gewiß möchte ich die Liebe Gottes annehmen – es ist ja nichts anderes als Liebe, wonach ich mich ständig sehne! Aber es geht nicht! – Die kurze Zeit, die ich in der Kirche sitze, umgeben von Freunden – ja, da bin ich froh. Da ist es warm und liebevoll. Die Predigt und die Gebete – das wirkt so beruhigend. – Aber dann – wenn ich auf der Straße bin und wieder zu Hause – dann ist alles wie weggeblasen. . . ! Ich habe eben doch nicht Gottes Liebe empfangen. Und mein Leben hat ja absolut keinen Sinn! Warum lebe ich überhaupt? Ich bin zu nichts gut und kann keinem einzigen Menschen Freude machen! Und hab‘ selbst an nichts Freude!«

Schwester Ebba beginnt zu ahnen, warum sie kommen mußte:

»Sie leben, weil Gott in seiner Liebe an Sie denkt und eine bestimmte Absicht in Ihrem Leben hat.«

Gerty schüttelt den Kopf:

»Ich sehe Gottes Liebesgedanken nicht!«

Beide schweigen eine Weile.

Und dann, mitten in all dieser Unordnung, zwischen den ungemachten Betten und herumliegenden Kleidern, spricht Ebba von dem schweren Geheimnis des Glaubens, von diesem »Nicht sehen und doch glauben«, vom Nichtspüren und doch Gewiß-Sein, daß Gott liebt und keinen einzigen Menschen auch nur ein Sekunde aus den Augen verliert.

Es ist, als wenn sich jedes Wort ganz tief in Gertys Herz senkte.

»Aber wie soll ich all dies wissen, so wissen, daß es mich tragen kann?«

»Beten… «

Zwischen den beiden wächst nach diesem Besuch eine tiefe Freundschaft auf. Wie sich ein Kind an die Mutter anschließt, so schließt sich die bedeutend ältere Gerty an Ebba an. Sie will so viel lernen und wissen.

Und so kommt sie jetzt beinahe täglich ins Schwesternheim der Schwedischen Mission, das bald ihr zweites Zuhause wird.

Und eines Tages vertraut sie Ebba ein Geheimnis an:

»Weißt du, damals, als du einmal so zeitig zu mir kamst, warst du wirklich von Gott selbst geschickt. Das weiß ich jetzt. In jener Nacht hatte ich schrecklich schwer gegen die Versuchung zu kämpfen, mir doch das Leben zu nehmen. Ich hatte trotz allem keinen Sinn in meinem Leben finden können. Und ich war eben in die Küche gegangen, um den Gashahn aufzudrehen. Aber – es ging nicht, ich konnte nicht… Es war, als hielte mich eine starke Hand zurück… Und da kamst du und sagtest, Gott dächte an mich und hätte eine bestimmte Absicht mit meinem Leben. Da begann ich zu ahnen, daß er auch mich lieb hat… Aber wenn ich nur Gottes Absicht sehen könnte…! »

Die Deportation

Auf dem Weg zur Deportationskaserne erzählt Gerty:

»Heute vormittag kam die Bestätigung, daß Georg Magengeschwüre hat und daß eine sofortige Operation notwendig wäre…«

Georg sagt: »Ich habe ein paar kleine Rechnungen da; ich bin nicht dazu gekommen, sie zu bezahlen. Sei so lieb und mach‘ das für mich. Ich will keine Schulden haben… «

Ebba schaut die Rechnungen an.

Die eine: 2,70.

Die andere: 1,40.

Vor der Deportationskaserne wimmelt es von Menschen. Gerty und Ebba tragen die Taschen und Rucksäcke.

Ein uniformierter Wächter stürzt sich auf Georg. »Du faules Judenschwein! Warum läßt du die Frauen tragen?! «

Gerty will erklären: »Er ist krank« – »Schweig!«

Der Mann stößt Georg in die Kaserne hinein.

Gerty will Ebba die Hand zum Abschied reichen. Der Uniformierte packt sie beim Arm und stößt sie durch die Tür. Gerty wendet sich um und blickt Ebba noch einmal an.

Und verschwindet.

Viele Briefe schrieb Gerty aus Polen. Christusbriefe. Es waren Schilderungen des zähen Kampfes, den zum Tod verurteilte Menschen führen mußten, Schilderungen von abgrundtiefer Not, von Kälte, Hunger, Ungeziefer, Krankheit, Wahnsinn.

Gertys erste Briefe mußten verbrannt werden, als die Geheime Staatspolizei bei Ebba Haussuchung vornahm. Im Herbst 1941 kam Ebba nach Schweden zurück.
Die Briefe, die sie in Schweden erreichten, sind Gertys letzte Briefe.

Im Herbst 1942 begann die »Liquidierung« …
In einer Gaskammer Polens starb Gerty, »ein Brief Christi, geschrieben mit dem Geist des lebendigen Gottes« (2. Kor. 3, 3).

Der letzte Brief aus Polen

Kielce, 29. VII. 1942
Deutlich habe ich es empfunden daß nicht Blutsverwandtschaft die letzte Gemeinschaft schenkt, sondern daß die da ist, wo Menschen dem Willen Gottes ganz gehorchen wollen und dadurch innerlich verbunden werden…

Die Predigt ist wunderbar gewesen; ich danke Dir für die große Mühe des Übersetzens. Und das Geld kam auch schon, die hundert Mark. Ich rechne mir immer per Woche aus, wieviel ich ausgeben darf und an wen und was. Glücklich bin ich darüber – das kannst Du Dir wohl denken. Ich bitte Dich sehr, meinen allerheißesten Dank weiterzugeben. Wie froh bin ich, daß es möglich war.

Es freut mich so, daß es sich in Eurer Arbeit in der Gemeinde zu rühren beginnt. Aus Deiner Bemerkung, daß Du immer von einer großen Persönlichkeit erzählst, ersehe ich, daß ich damit eine ganz richtige Idee gehabt habe. Ich lese nämlich vor oder verborge meine vielen kleinen Büchlein über Selma Lagerlöf, Amalie Sieveking, Dora Rappard etc. etc., und besonders in einem Fall (eine alte Dame, sehr gebildet, ganz verbittert) hat ein Büchlein von Mutter Eva die Wirkung gehabt, die die Sonne für eine verkümmerte Pflanze hat. Sie hat sowas wohl nicht für möglich gehalten, daß ein Mensch so viel Liebe geben kann. Sie ist eine große Menschenfeindin und sagt immer zu mir: »Wenn Sie es fertigbringen, daß ich die Menschen mehr lieben kann… « Und dann sag‘ ich: »Dann müssen Sie zuerst lernen, Gott zu lieben; dann kommt das von selbst.« Sie will auch immer von Dir hören und Deine Bilder sehen und hat mir aufgetragen, Dir zu sagen, daß sie viel an Dich denkt und Dich sehr viel grüßen läßt.

Sonst habe ich auch noch ein paar schöne Arbeiten dazubekommen. Ich muß die schöne Zeit sehr ausnützen. Später kann ich nimmer so viel herumlaufen. Du weißt, wie heikel ich geworden bin, und die kalten Zimmer, in die man kommt, sind auch ein Hindernis.

Den Ausspruch von Selma Lagerlöf, mit den richtigen Augen, die Gottes Herrlichkeit sehen können, kenne ich auch. Um diese Augen muß man jetzt sehr beten; denn darauf kommt wohl alles an!

Ja, ich wollte Dich fragen: Was liest man bei Euch immer zuerst? Das Matthäus-Evangelium, nicht wahr? Nachher lese ich mit zwei Frauen die Apostelgeschichte und dann die Briefe. Aber da ist einer, der so viel fragt und so gründlich ist, sehr klug und geistig regsam, da mache ich es so, daß ich Matthäus, Lukas und Johannes so lese, wie es ineinander paßt (zeitlich genommen). Meinst Du, daß es so richtig ist? Meistens aus der Menge-Bibel, weil doch die Sprache leichter zu verstehen ist. So viel müßte ich Dich oft fragen. Am schlechtesten ist es bei mir mit der Vermittlung aller dogmatischen Themen bestellt: Kleiner Katechismus, Glaubensbekenntnis etc., und gerade darüber habe ich keine Lektüre, und es scheint nichts zu haben zu sein.

Jetzt muß ich anrichten, die Sopherl ist bei mir. Man könnte noch stundenlang weiterschreiben; aber es geht nicht mehr, sonst wird alles kalt. Und in der Nacht kann ich nicht – ich bin zu kaputt. Auch über die Predigt könnte ich viel schreiben. Am herrlichsten ausgedrückt finde ich das: »Gib mir aus Gnade den Gehorsam, die Aufrichtigkeit, den eifrigen Willen und die Freudigkeit, deren richtiger Ewigkeitsname der ist: Dich liebhaben!« Das ist der Beweggrund unseres Dienstes und unseres ganzen Lebens, auf den einfachsten Nenner gebracht! Wunderbar! Damit weiß ich, »warum«! Ich danke Dir innigst. Bitte, an alle, alle Lieben mein bestes Gedenken auszurichten! Behüt‘ Dich Gott!

Immer

Deine Gerty

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