Predigt zum Abschied von Anna-Lena Peterson, 25.September 1988

Predigt über den Text vom 17. Sonntag nach Trinitatis:
Jesaja 49, 1-6

Pfarrer Mag. Hermann Miklas und Vikarin Mg. Ines Knoll bei Gottesdienst zur Veranschiedung von Schwester Anna-Lena Peterson

Pfarrer Mag. Hermann Miklas und Vikarin Mg. Ines Knoll bei Gottesdienst zur Veranschiedung von Schwester Anna-Lena Peterson

Liebe festliche Gemeinde!

Gemeinhin wird ja gesagt, das wäre es gerade, was Juden und Christen voneinander trennt: die verschiedenen Vorstellungen über den Messias. Ist es dann nicht sehr provokant, heute (in diesem Raum und zum gegebenen Anlaß) den vorgeschlagenen Predigttext unserer Kirche beizubehalten, der vom Messias als dem Heil der Welt spricht? Eine Aussage aus dein Alten Testament zu zitieren, die in der christlichen Tradition immer allein auf Christus selbst bezogen wurde? Zu sprechen von Jesus Christus — als dem Heil der Welt!-?

Es darf (und muß) allerdings bezweifelt werden, ob es wirklich die Botschaft des Evangeliums Jesu Christi ist, die Christen und Juden so sehr voneinander trennt. Abgesehen von den vielen durchaus versöhnlichen Stimmen jüdischer Theologen über Christus, gilt es jedenfalls entschieden festzuhalten, daß unsere evangelische Kirche den Juden gegenüber (also denen gegenüber, die noch auf den Messias warten) schuldig geworden ist
– nicht aus übertriebener Treue zu diesem Christus,
– sondern gerade aus Untreue zu ihrem Messias

Im Protestantismus des 19. Jahrhunderts hat es sich bereits angebahnt, daß alle möglichen Dinge wichtiger wurden als das Zentrum des Glaubens. Schlagworte wie ”Gott, Kaiser und Vaterland” sind in den Mittelpunkt der Verkündigung gerückt; man sprach gerne von ”Blut und Ehre” und betonte den ”schöpfungsgemäßen Unterschied” zwischen Rassen und Nationen. – Mit Jesus Christus als dem einen Wort Gottes und dem einzig gültigen Maßstab aller Theologie konnte man wenig anfangen. So ist es eigentlich gar kein Wunder, daß die Kirche seither auf alle möglichen Versuchungen, Modeströmungen und Verführungen geradezu ”schutzlos” hineingefallen ist. Wo Christus nicht mehr das Zentrum der Kirche war, sind auch alle ihre Wertmaßstäbe rundherum gefährlich ins Wanken geraten.

Die Frauen und Männer des Widerstandes während des Dritten Reiches hingegen waren Menschen, die ihre Kraft aus der Mitte bezogen haben. Sie waren es, die deshalb nicht schweigen konnten zum Unrecht gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern. Und so wage ich es zu behaupten: Das Evangelium als solches hat nicht trennende, sondern einigende Kraft! Ein gegenseitiges Verstehen ist überhaupt nur von der Mitte her möglich.

”Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die Ihn anrufen”, so haben wir es in der Lesung heute gehört und an diesen Leitsatz des Paulus wollen wir uns halten. — Oder an anderer Stelle schreibt der Apostel: ”In Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist!” – Und unser Predigttext aus dem Propheten Jesaja spricht davon, daß es nicht genug ist, wenn der Knecht Gottes nur für ein Volk allein da ist; nein, Gott hat ihn auch zum Licht der Heiden gemacht, damit er ”bis an die Enden der Erde” Gottes Heil verkörpere.

Der Knecht Gottes – das Heil der Welt

Mag sein, daß mit dem ”Ich” des Gottesknechtes ursprünglich zwar der Prophet Jesaja sich selbst bezeichnen wollte (oder einen anderen alttestamentlichen Propheten). Mag auch sein, daß es legitim ist, in dem ”Knecht Israel” (wie er einmal ausdrücklich im Text genannt wird) sogar die Personifizierung des gesamten Gottesvolkes zu sehen (wie es in der jüdischen Auslegungsgeschichte häufig geschah). – Für uns Christen aber hat der ”Knecht Gottes” vollendete Gestalt gewonnen in Christus selbst.

Doch wir alle (ob Juden oder Christen) stehen gemeinsam unter dem großen Anspruch dieses Jesajawortes, das Licht Gottes nicht allein für uns selbst zu reklamieren, sondern ”bis an die Enden der Erde” zu tragen!

Die Schwedische Israelmission (und mit ihr Schwester Anna-Lena) ist ursprünglich nach Wien gekommen, um Israeliten zu bekehren. Spätestens nach dem fürchterlichen Erlebnis der „Reichskristallnacht“ (die gerade in dieser Straße hier besonders schlimme Auswirkungen gezeitigt hat) und nach dem beginnenden Abtransport vieler jüdischer Mitbürger ins KZ ist es den Mitarbeitern der Schwedischen Mission aber nicht mehr möglich gewesen, nur mehr im engen Rahmen ihres anfänglichen Auftrags zu handeln. Ich möchte fast sagen, es ist ihnen ähnlich ergangen wie Jesus mit der kanaanäischen Frau im heutigen Evangelium: Ihre ursprüngliche Intention hat sich durch die Ereignisse verändert, verändern müssen. – Nun galt es nicht mehr, nur Juden zu missionieren und zu taufen, nun galt es, sich solidarisch an ihre Seite zu stellen; für sie zu kämpfen; ihnen zu helfen. Aus ”Widersachern” (wenn man so will) sind Verbündete geworden! Und die Messiaskapelle mußte – im Namen dieses Messias — zur Zufluchtsstätte für jene werden, die – so – gar nicht an Ihn geglaubt haben. Es galt schlicht, Licht in die dunkle Existenz jener Menschen zu bringen, die bedroht waren. Eben: Weil Christus nicht trennt, sondern eint!

War es Verrat am ursprünglichen Auftrag? Oder schlimmer noch: Vielleicht sogar Verrat an der Sache Jesu? – Nein, sondern im Gegenteil: Gerade hier ist das Evangelium Jesu Christi im Wahrheit erst recht erfüllt worden (unter Einsatz des eigenen Lebens).
Besudelt hingegen haben jene den Namen Jesu, die meinten, einer unbiblischen ”göttlichen Vorsehung” gehorchen zu müssen, und damit die Drangsal des jüdischen Volkes (aktiv oder passiv) sogar noch unterstützt haben. – Sie haben in tragischer Weise vollendet, was die falsche Weichenstellung des 19. Jahrhunderts bereits vorgegeben hatte.

Der Schwedenkönig Gustav Adolf hat vor mehr als 350 Jahren dem mitteleuropäischen Protestantismus das Leben gerettet. Die Schwedische Mission in unserem Jahrhundert hat in Wien dem Protestantismus den letzten Funken Ehre gerettet! – Es gibt entsetzliche Beispiele dafür, wie Wiener Pfarrer sogar mit den eigenen Gemeindegliedern (jüdischer Abstammung) umgegangen sind. – Aber daneben gab es eben auch dieses Haus hier in der Seegasse, in dem Juden und Judenchristen so behandelt worden sind, wie es dem Evangelium entspricht. Und für so manchen Menschen hat das Licht Jesu (des Heils der Welt) gerade hier erstmal überhaupt glaubwürdig zu ”leuchten” begonnen – nicht zuletzt durch Ihren Dienst, liebe Schwester Anna-Lena!

Leider haben allerdings auch Sie die Erfahrung machen müssen, die wohl allen ”Knechten Gottes” aller Zeiten nicht erspart geblieben ist: Daß nämlich die Arbeit im Namen Gottes oft so vergeblich erscheint! – Schon bei Jesaja hieß es ja: ”Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich und verzehre meine Kraft umsonst, wiewohl mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist.” – Vielfach geschmäht haben Sie Ihren Dienst hier tun müssen; und oft genug waren Sie wehrlos gegen die Übermacht der Gewalt. Und doch (ja gerade deshalb) durften Sie auch gewiß sein: ”Darum bin ich vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke!” – Es ist der richtige Weg, den Sie gegangen sind.

Schwester Anna-Lena Peterson

Seit all jenen Ereignissen damals sind nun rund fünfzig Jahre vergangen. Die Welt hat sich verändert. Und wir können nicht umhin, Bilanz zu ziehen. Ermutigt durch Ihr nüchternes, unpathetisches Wesen, liebe Schwester Anna-Lena, wollen wir heute nicht stehenbleiben beim Erzählen der großen Vergangenheit.

Lassen Sie uns (ebenso nüchtern und unpathetisch) auch die Probleme der Gegenwart ansprechen.

1.) Da ist einmal die selbstkritische Frage zu stellen, ob die Evangelische Kirche von 1988 tatsächlich Christus-bezogener ist als sie es 1938 war. (?)

Nein, unverbesserliche Geheim-Nazis dürften sich nur noch wenige in unseren Reihen finden. Aber hat sich (nach einem hoffnungsvollen Anfang in der Nachkriegszeit) in den letzten Jahren nicht doch wieder eine starke ”Ideologisierung” ausgebreitet? – Ich habe Angst, wenn der Streit um die Formen des Glaubens zunehmend wichtiger wird als der Inhalt. Ich habe Angst, wenn fast nur noch über die Konsequenzen des christlichen Handelns gesprochen wird und so wenig über die Fundamente, über Christus selbst.
Obwohl selbst ein Kind der Nachkriegsgeneration, wird es mir immer unheimlicher, wenn jüngere Christen so felsenfest davon überzeugt sind, ihnen hätte das Unglück von 1938 nie passieren können und erbarmungslos den Stab brechen über die Verantwortlichen von damals. Ich habe Angst vor dem ”Pharisäismus” der Spätgeborenen!

Wenn das Gedenkjahr 1988 für die Kirche nicht zum Jahr der Sammlung um den Herrn der Kirche wird (sondern bloß in Schuldzuweisungen steckenbleibt), dann bereiten wir den Boden für eine neue Katastrophe vor!

2.) Ein zweites.

Die engagierte Christenheit von heute steht vor dem fürchterlichen Dilemma, die offizielle Politik eines Staates Israel mit ansehen zu müssen, die die Sicherung der eigenen Existenz – auch – mit Unrecht bezahlt. Wer jemals in Israel war, weiß zwar, daß die Probleme dort wesentlich vielschichtiger sind als sie in unseren Medien dargestellt werden und daß es keine ”einfachen” Lösungen gibt. Aber wenn wir es ernst meinen mit dem Auftrag des Gottesknechtes ‚ der das ”Heil der Welt“ ist, dann können uns auch Araber und Palästinenser nicht gleichgültig sein. (Vielleicht ist das der geeignete Moment, um darauf hinzuweisen, daß immerhin beide große Kirchen unseres Landes den heutigen Sonntag zum ”Ausländersonntag” erklärt haben).

Eigentlich müßten wir nun – nicht als Gegner, sondern erst recht als Freunde — warnen, mahnen, vermitteln…; mit unseren israelischen Schwestern und Brüdern gemeinsam nach Lösungen suchen für die jeweiligen Minderheiten… Doch wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß die kleine Brücke der Versöhnung zwischen Christen und Juden noch nicht tragfähig genug ist. Sie kann die Schritte derer noch nicht tragen, die sie als brüderliche ”Warner” überschreiten möchten. Die Realität ist nach wie vor der tiefe Graben. Der tiefe Graben christlicher Schuld, der uns kein Recht gibt zu urteilen (oder gar zu verurteilen)‚ ja nicht einmal uns einzumischen.

Wir wollen weiter an der Brücke der Versöhnung mit Israel bauen – und können für den Frieden im Nahen Osten nur eines tun: von ganzem Herzen zu beten; und mit Dankbarkeit jedes noch so kleine Zeichen von Hoffnung registrieren, das da und dort ja ebenfalls immer wieder aufleuchtet.

3.) Ein drittes und letztes.

Sie, liebe Schwester Anna-Lena, haben mehrmals Ihr Bedauern ausgedrückt, daß die Evangelische Kirche von Osterreich seit dem Tod von Pfarrer Rücker die Seelsorge an ihren eigenen Gliedern (den Judenchristen) nicht entschlossener und gezielter fortgesetzt hat. Ich will nicht verschweigen, daß auch dieses Versäumnis schwer auf uns lastet; und ich kann verstehen, daß es diese Hypothek ist, die Ihnen den Abschied von Wien besonders schwer macht.

Lassen Sie mich dennoch am Beispiel zweier ganz persönlicher Erlebnisse eine Antwort andeuten.

Als ich vor etwa zwei Monaten die Kirche von Berlin-Dahlem betreten habe, überkam mich so etwas wie ein heiliger Schauer. Es war die Kirche, in der der große Widerstands Kämpfer Martin Niemöller seine berühmte Predigtreihe gegen den Nationalsozialismus gehalten hat. – Ich weiß nicht mehr genau, was ich mir eigentlich von einem Gottesdienst dort erwartet habe, auf jeden Fall irgendwie den Geist der Bekennenden Kirche von damals. – Ich war bitterlich enttäuscht! Es war ein chaotischer Gottesdienst, ganz und gar nicht nach meinem Geschmack; nichts erinnerte mehr an die Vergangenheit. Erst im Rückblick muß ich gestehen, mutig war es, was dort über das Verhältnis von Kirche und Frauen gesagt wurde – und ist ”Mut” nicht die glaubwürdigste Fortsetzung der großen Vergangenheit jener Gemeinde?

Und das andere, vielleicht noch persönlichere Beispiel: Wenige Wochen vor seinem Tod hat Pfarrer Rücker seinen innig geliebten Gummibaum einer anderen Familie im Haus zur Pflege übergehen. Fast zehn Jahre ist er dort nun in aller Stille versorgt worden, Im Vorjahr wurde er mir gewissermaßen als ”Vermächtnis” übergeben. Er steht jetzt wieder auf seinem alten Platz – und siehe da: Er treibt ein Blatt nach dem anderen aus!

Was ich damit sagen will, ist folgendes. Die Gemeinde hier in der Seegasse hat sich verändert. Vieles ist für die, die früher hier zu Hause waren, fremd geworden. Und so schön es ist, oft auch viele junge Menschen hier im Gottesdienst zu sehen, es ist dennoch schmerzlich zu beobachten, daß manche von ihnen wahrscheinlich nicht einmal mehr etwas wissen von der Geschichte dieses Hauses; geschweige denn, daß sie einen persönlichen Bezug dazu hätten. Man kann es ja auch nicht Sonntag für Sonntag wiederholen. Für sie ist es halt eine Gottesdienst-Stätte wie jede andere auf der Welt.

Und dennoch: Wenn hier in diesem Haus Christus verkündigt und mutig nach den Grundsätzen des Evangeliums gelebt wird, ja wenn hier in dieser Kapelle tatsächlich in irgendeiner Form der Geist des Messias wieder überzeugend lebendig wird, dann ist das doch eine Frucht Ihrer Arbeit von einst, wenn auch in einem viel weiteren Sinn.

Und so bitten wir Sie: Nehmen Sie es als Bild mit zurück nach Schweden – der Baum treibt Blätter! Denn Gottes Geist ist auch in den Schwachen mächtig. Sein Reich läßt sich selbst durch unsere Versäumnisse nicht aufhalten!

Amen.

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