1920-1938 Die schwedische Israelsmission

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg und vermehrt in den Jahren danach kamen – meist aus dem Osten – jüdische Familien nach Wien und hatten hier ihre erste Begegnung mit dem Protestantismus. Hier, wie auch in zahlreichen anderen Städten der ehemaligen Donaumonarchie lernten sie nicht nur die tolerante und aufgeklärte Art evangelischer Großstadtgemeinden kennen. In Predigt und Seelsorge erfuhren sie auch von einem Jesusbild und von christlichem Glauben, dem sie sich öffnen konnten. Diesem Bedarf und Wunsch nach einer für sie verständlichen Verkündigung des Evangeliums wollte die Schwedische Israelsmission (Svenska Israelsmissionen, Stockholm) Rechnung tragen, als sie sich zum Aufbau einer Missionsstation in Wien entschloß .

1920 (November)

Entsendung der beiden Missionsschwestern Anna Karlsson-Lindskog (geb. 3. 2. 1889) und Martha Hellmann nach Wien, um hier mit einem Dienst unter den Juden Wiens zu beginnen. Als erster Heimat für diese Arbeit diente das Diakonissenhaus in der Canongasse wo ihnen vom CVJM (Christlicher Verein Junger Männer, ein Zweig der Inneren Mission) Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt wurden.

1922 (März)

Erwerb des Hauses Seegasse 16 durch die Schwedische Israelsmission.

Leitung durch Missionar Emil Weinhausen von der Schwedischen Gesellschaft für Israel. Ihm gelang es mit kluger Zurückhaltung die Konfrontation mit der jüdischen Orthodoxie in Wien zu mildern, die die Gründung der Missionsstation als einen Angriff auf den Bestand der jüdischen Gemeinschaft betrachtet hat.

1923

konnte die Wiener Stadtmission (ein Zweig der Inneren Mission) dank des Entgegenkommens der Schwedischen Israelemission eine Mutterberatungsstelle im Haus in der Seegasse eröffnen.

1924

Übernahme der Leitung durch Prof. Hans Haberl, einen der bedeutendsten evangelischen Theologen mit ökumenischer Erfahrung. Bereits vorher war er als maßgebliche Persönlichkeit des interkonfessionell arbeitenden CVJM und der Christlichen Studentenbewegung in Wien geschätzt. Prof. Haberl verstarb bereits vier Jahre nach Beginn seiner Tätigkeit (1928).

1928

Interimistische Übernahme der Leitung durch Dr. Hans Jaquemar (Rektor der Inneren Mission) nach dem plötzlichen Tod von Prof. Haberl.

1929

Übergabe der Leitung an Dr. Arne Jonsen (Norwegische Israelsmission in Bethlehem). Jonsen erhält die bereits bestehende enge Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche aufrecht und vereinbart, daß jenen jüdischen Personen, die die Taufe in einer Wiener evangelischen Gemeinde begehrten, der Taufunterricht in der Seegasse erteilt wurde (etwa 100 Personen jährlich).

1933

Der deutsche Sozialpfarrer jüdischer Abstammung Friedrich Forell beginnt gemeinsam mit seiner Gattin Magdalene seine Arbeit in Wien, die er bis zu seiner Ausweisung 1938 ausübt. Schwester Anna Karlsson bleibt bis 1935, Schwester Martha Hellmann wird 1938 vom NS-Regime ausgewiesen.
Die 1933 in Deutschland einsetzenden Judenverfolgungen brachten es mit sich, daß zahlreiche Juden und Christen jüdischer Abstammung nach Österreich und vornehmlich nach Wien flüchteten.

1934-1941

Tätigkeit von Schwester Greta (Ebba) Andrén (später Hausmutter im Schwedisch-theologischen Institut in Jerusalem, gestorben 1971 in Schweden).

1935 (Dezember)

Lehrtätigkeit von Dr. Hans Kosmala (vom seit 1886 in Leipzig bestehenden und 1935 geschlossenen „Institutum Judaicum Delitzschianum“) – Im Wintersemester 1937/38 waren es 12 einstündige und zwei zweistündige Vorlesungen wöchentlich, die in der Seegasse abgehalten wurden. Herausgabe der Zeitschrift „Aus zwei Welten“ gemeinsam mit Dr. Göte Hedenquist (bis 1938).

1936 (Oktober)

Direktor Dr. Göte Hedenquist und seine Gattin kommen aus Schweden nach Wien. Als Friedrich Forell 1938 ausgewiesen wird, übernimmt er die Leitung der Missionsstation, die er unter diplomatischer Immunität als schwedischer Staatsbürger weiterführen kann.

In diesem Jahr wurde von der Schwedischen Israelsmission ein Objekt in Weidling bei Wien angekauft, das unter der Bezeichnung „Schwedenheim“ bis zum Jahr 1941 für verschiedene Zwecke (Jugendarbeit, Schulungen und Altenheim) verwendet wurde (siehe auch unter Anna-Lena Peterson).

Bookmark the permalink.

Comments are closed.