GESTAPO und GEMIPO – Die geheime Missionspolizei

von Göte Hedenquist

Es war im Wien Adolf Hitlers und Adolf Eichmanns. In den Jahren 1938 und 1939. Das alte arme frohe Österreich, in welchem noch der Glanz der Kaiserzeit vorhanden war, wurde zu einem militärbesetzten Gehorsamsland verwandelt, wo deutsche Nazistiefel brutal und im Takt marschierten. SA war vorgestürmt und von der SS mit ihrer mehr intellektuellen und daher dämonischeren Taktik abgelöst worden. Und mit der SS kam die Gestapo, au deren Spitze der ehemalige Volksschullehrer Himmler gestellt wurde. Seine Fäden erstreckten sich in jedes Haus und in jede Familie, und ohne selbst gesehen oder gehört zu werden, sah und hörte er mehr als andere gewöhnliche Sterbliche.
Die Gestapo in Wien hatte mehr als nur ein Hauptquartier. In einem dieser Hauptquartiere herrschte der SS-Hauptsturmführer Adolf Eichmann. Hier wurde u. a. das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Österreichs entschieden. Und zu der jüdischen Bevölkerung wurden alle gezählt, die irgend einmal während des letzten Jahrhunderts vom Judentum hergekommen waren und keinen “Ariernachweis” erbringen konnten. Ob man der mosaischen Religion angehörte oder Christ war, spielte in diesem Zusammenhang keine Rolle. Das Ziel war, Österreich auf die eine oder andere Weise “judenrein” zu machen. Die erste Alternative bedeutete, daß die Juden das Land verlassen mußten, die andere, daß sie an einen “unbekannten Ort” deportiert wurden.

In der Schwedischen Israelsmission in der Seegasse in Wien waren mit der Ankunft des Nationalsozialismus durchgreifende Veränderungen eingetreten. Der deutsche Leiter der Mission, der Deutschland als “Nicht-Arier” hatte verlassen müssen, war nun gezwungen, auch von hier zu fliehen. Ich war einige Jahre lang sein Mitarbeiter gewesen, und nun bekam ich den Auftrag des Vorstandes, die Leitung der Arbeit in Wien zu übernehmen. Auch der Name der Mission mußte geändert werden, aber auch wenn sie nur “Schwedische Mission” hieß, wußten doch alle, die mit uns in Kontakt kamen, daß unsere Arbeit dahin ging, den Juden in Österreich zu helfen, trotz allem Antisemitismus zu erkennen, wer Jesus Christus war; und unsere Aufgabe war, für die Juden und Christen jüdischer Abstammung, die von Adolf Eichmann bedroht waren, da zu sein.

Als ich das erstemal Adolf Eichmann in der “Prinz-Eugen-Straße”, wie sein Hauptquartier kurz genannt wurde, traf, hatte ich vor mir einen jungen Mann mit scharfen Zügen, zivil gekleidet und gar nicht unsympathisch. Er war im Gegenteil artig und höflich. Aber während des Gesprächs über unsere Arbeit in der Schwedischen Mission in der Seegasse merkte ich mehr und mehr, wie er geschickt die Grenzen unserer Bewegungsfreiheit immer enger zog und gleichsam versuchte, die Arbeit der Mission ganz und gar unter seine Kontrolle zu bringen. Wir könnten unsere Arbeit fortsetzen, aber unter der Kontrolle der Gestapo. Wir sollten regelmäßig an Eichmanns Kanzlei Rapport erstatten usw. Und alle die Juden und Christen jüdischer Abstammung, die zu uns kamen, um Hilfe für ihre Auswanderung zu bekommen, sollten in der “Prinz-Eugen-Straße” registriert werden. Vielleicht hatte Eichmann erwartet, daß ich Einwendungen als Vertreter einer schwedischen „Hilfsarbeit” machen wurde, wobei er mich leicht hätte zurechtweisen und mir zeigen können, daß es hier nichts gab als seinen Willen und sein Gesetz. Jedenfalls blickte er etwas erstaunt auf, als ich nicht nur sein Diktat als gegeben hinnahm, sondern sogar noch weiter ging als er selbst und vorsichtig vorschlug: Sollte man nicht in der „Prinz-Eugen-Straße” eine eigene Kanzlei einrichten können, wo die Schwedische Mission ein paar Mann anstellen könnte, die an die Gestapo über unsere Arbeit rapportieren und alle die Fälle bearbeiten könnten, die Ausreisen unserer Klientel betrafen? Ich hatte ja gerüchteweise gehört, daß die Israelitische Kultusgemeinde in Wien solche “Vorteile” bekommen hatte. Und auf diese Weise sollte ja auch die Kontrolle der Gestapo leichter sein können. Aber vielleicht sollte man erst die Erlaubnis höheren Orts von Berlin hier einholen? (Der letzte Satz wurde eine Trumpfkarte, deren ich mich später in vielen Gesprächen mit Eichmann bediente. Bloß die kleinste Andeutung, daß er sich an eine höhere Behörde wenden müßte, genügte, um ihn stehenden Fußes auf meine Vorschläge eingehen zu lassen, wie wahnsinnig sie auch vom Standpunkt der Gestapo sein mußten.)

Genug. Die Schwedische Mission erhielt ihre Kanzlei im Hauptquartier Eichmanns. Über irgendwelche regelmäßigen Rapporte wurde nicht mehr gesprochen, wenn ich auch hie und da persönlich Adolf Eichmann aufsuchte, um die Stimmung zu erforschen, besonders nach irgendeiner allzu geglückten Aktion von unserer Seite. Die beiden Vertreter der Mission in der “Prinz-Eugen-Straße” waren immer Leute aus unserem Jungmännerkreis, im Geist der Mission erzogen und absolut zuverlässig. Damit niemand sie im Hauptquartier Eichmanns allzusehr trakassieren solle, trugen sie eine blaugelbe Binde am Arm. Sie standen unter dem Schutz der Schwedischen Mission. Und die Schwedische Mission stand unter dem Schutz der Gestapo. Wenigstens ließ ich alle nazistischen Instanzen, die an uns irgendwie herankommen wollten, dies wissen. Die Legitimationskarte derer, die bei uns registriert waren, war lange Zeit eine Hilfe. Und sie half erstaunlich gut, wenn jemand verhaftet wurde, und die Schwedische Mission für den Betreffenden intervenierte! Ja, manchmal bat man sogar um Entschuldigung für das Versehen, das von irgendeiner Behörde begangen worden war und fügte den heimlichen Wunsch bei, wir möchten nichts der Gestapo berichten. Als ob wir es gewagt hätten!

Während eines ganzen Jahres konnte man jeden Abend ein bestimmtes Klopfsignal an der Hintertür meines Arbeitszimmers in der Schwedischen Mission hören. Und wenn die Tür geöffnet wurde, machten die beiden Burschen Habt-Acht-Stellung und grüßten mit einem Lächeln auf den Lippen: “Herr Pastor, Gemipo meldet gehorsamst ihre Ankunft!” Das war der geheime Name, den sie selbst erfunden hatten und den wir unter uns gebrauchten, “GEheime Mlssions-POlizei”. Und sie entsprachen dem Namen ganz und gar. Denn sie vertraten die Interessen der Mission und nicht der Gestapo. Ihre kleine Kanzlei im Hauptquartier Adolf Eichmanns wurde zur unschätzbaren Hilfe für Tausende Juden und Christen jüdischer Abstammung. Während man sonst oft Monate und mehr als ein Jahr brauchte, um die notwendigen Ausreisepapiere klar zu bekommen – wenn man sie nun überhaupt bekommen konnte -‚ konnte die Gemipo diese Formalitäten in ein oder zwei Wochen ordnen. Wie sie das konnten, ist mir noch immer ein Rätsel. Aber die Tatsache steht fest. Und was noch wichtiger war: Die Gemipo konnte sich manchmal Einblick in die Haft- und Deportationslisten der Gestapo verschaffen, so daß wir in der Mission zur rechten Zeit Personen über die Grenze irgendeines Nachbarlandes “verschwinden” lassen konnten.

Natürlich war es eine schwere und gefährliche Stellung, die die Gemipo hatte. Und manchmal mußten wir unsere Vertreter schleunigst “verschwinden” lassen, z. B. nach Schweden, und sie durch andere ersetzen. Zwei von ihnen sind noch in Schweden und nun seit vielen Jahren schwedische Staatsbürger. (Der letzte Vertreter der Gemipo, bevor die Arbeit der Mission im Jahre 1941 doch niedergelegt werden mußte, ist nunmehr ein hoher Beamter und Kammerrat in Wien. Anm. d. Übersetzers.) Wenn sie diesen Aufsatz lesen, werden sie sich sicherlich der Gemipo als eines spannenden Abenteuers erinnern. Daß es aber damals um Leben oder Tod für Tausende andere und für sie selbst ging, haben sie vielleicht vergessen. Und es ist barmherzig, vergessen zu können. Aber ich kann nicht diese gehetzte Zeit vergessen, in der man wie auf einem Vulkan lebte, dessen unterirdisches Grollen man ständig hörte. Da war es eine Gnade und ein Segen, daß wir unsere mutige Gemipo hatten, durch welche wir sogar den mächtigen Adolf Eichmann dazu brachten, mit uns zusammenzuarbeiten. Ob er unsere Methoden durchschaute und unsere Politik, seinen Einfluß auf andere nazistische Instanzen auszunützen, habe ich nie erfahren können.

(Aus „Christusbote“,  No. 9, pp. 133-137, Frühling 1963; Auf norwegisch erschienen in “Bethlehemstjernen”, auf schwedisch in mehreren kirchlichen Blättern. Übers.: Johannes Jellinek.)

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